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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-05-01 · Heft 5 (1.5.1889) · p. Seite 100

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 5 (1.5.1889)
Date
1889-05-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Und wenn nicht lebende Zeugen es bekundeten, in seinen Briefen ist es bestätigt: er starb den Märtyrertod, er konnte den schroffen Gegensatz zwischen seinen humanen Zielen und den öden und schnöden Judenhetzen nicht verwinden. Er starb wenige Wochen vor seinem 70sten Gebutstage, für den ihm vielfache Ehrenbezeugungen vorbereitet waren. Die höchste Ehre hat er sich dauernd gesichert: die dankbaren Gedächtnisses in der deutschen, ja der Weltlitteratur, in den Herzen aller für edles Menschentum Ergliihenden und nicht zu allerletzt in den Herzen der Deutschen jüdischer Herkunft, mit denen er geliebt und gelitten, für die er gewirkt und gestritten hat. „Auf der Höhe" des Lebens und des Ruhmes stehend, erglühte er immerdar für das Deutsche Volk, für die höchsten Ziele der Menschlichkeit und Menschheit, zugleich auch für seine Glaubens- und Leidensgenossen. Er wandte sich nicht vornehm von ihnen ab, verleugnete sie nicht, vergaß ihrer nicht; nein, von ihm heißt es richtig „und Joseph erkannte seine Brüder," er nahm sich ihrer allezeit aufs Innigste an, fühlte — tiefer als viele von ihnen selbst — jedes Unrecht, das ihnen zugefügt wurde, und vertrat ihr Recht mannhaft und unverzagt vor Fürstenthronen und vor aller Welt, in Wort und Schrift, mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit. Deß sind seine Werke Zeugnis. Sie bekunden es: er war ebenso groß als Dichter, wie als Mensch, er war Deutscher, er war Jude in der Worte edelster Bedeutung. Dreifach umschließt gleich strahlender Tiare, Die Dichterkrone sein geweihtes Haupt: Zum Ersten ihm als Juden: Denn die klare Freimütige Denkart, die nicht Wunder glaubt, Der edle Sinn, für Volkes Heil, für'« wahre, Das Glaubenszwist u. Herrschsuchtsdruck geraubt, DaS Mitgefühl für Armer Leid und Lust Erglüht in eines Inden treuer Brust. Das Herz für's Volk! Wohl Manchem unbequem, Der gleich August gern feile Dichter möchte, Der freie Sinn, die männlich ernste Fehm' Ob Glaubensdruck für Volkes gute Rechte: — Das ist der zweite Reif im Diadem, Dem Herold gilt's im kühnen Zeitgefechte. Der dritte Reif — er ist des Denkers wert. Der, was Spinoza lehrt, bildreich erklärt. Daß zu dem Stamm er freudigen Sinns sich zählt, Aus den von je sich tiefste Schmach ergossen. Der unterdrückt, geknechtet und gequält, In Zeiten ward, die kaum dem Blick entflossen, Und der sich dennoch, mut- und glutbeseelt' Aufrecht erhielt, geistesfrisch und unverdrossen: Das that zuerst ihm kühnbegeisternd kund, Daß Bolkeskraft ein felsenfester Grund. Und Jude, Bolksfreund, Denker — alles Drei's Der Genius hat's in Emen Strahl verbunden : Die Tiara ist des Dichters Lorbeerreis Das schön das Haupt des Edelsten umwunden. Er folgt in seiner Brust dem Gottgeheiß: Was er begeistert schafft, er hat's empfunden, Und was er schrieb, es strahlt in lichter Klarheit, Denn was ihn trieb, es war der Drang nach Wahrheit. Und so hat er, wie vor ihm selten einer, Ein Jude er, was in dem Herzen sprießt Des Volkes Lust, des Volkes Leid in reiner Lieb' und Begeisterung dichterisch begrüßt. So lehrte er gewaltig, wie noch Keiner: Daß Jud' undDeutsch' ein innig Band umschließt. Was Börne mit des Sehers Worten sprach, Dem gab Gestaltung Berthold Auerbach! Vom Tolpatsch bis zu Kaisers Kuß, Allüberall dasselbe Streben, Derselbe dichterische Fluß Dem Edlen, Schönen treuergeben — So tritt vor uns aus Einem Guß Ein echtes deutsches Dichterleben, Ein freier Mann von echtem Schlag Er lebe! Berthold Auerbach. „Er lebe! Berthold Auerbach" Bor mehr als dreißig Jahren klang Der Gruß aus Herzens tiefstem Drang. — Er lebt ob auch sein Leib geschieden, Er lebt unsterblich fort hienieden, Der treu und tief dem Bolk'sgemüte, Dem deutschen Vaterland erglühte, Lebendig wirkt, was er geschrieben Und mahnt uns — ihn, das Edle lieben.

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