Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1889)
- Date
- 1889-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 anhören müssen, wie sie so verschieden zu ihm beten. Die christlichen Geistlichen sind geheilt worden, der jüdische nicht. Als ihm das endlich gesagt werden mußte, rief er: „Gelobt sei Gott, der mich so viele Jahre hat sehen lassen; ich weiß unsere Bibel auswendig, ich kann ohne Augen darin lesen." Aber er dankte herzlich für die viele Geduld und Liebe, die wir ihm erwiesen. Zum Professor sagte er: „Sie haben es gut gemeint, aber Gott hat gemeint, anders ist gut für mich. Er wird wissen warum." Brigitta berichtet weiter „von der feinen guten Pfälzer Doktorin," einer ehmaligen Jüdin, die in der Anstalt nicht hergestellt wurde, nur geringes Augenlicht behielt, aber ein wahrer Segen für das' Haus wurde „wie wenn sie Arzt und Geistlicher und Hausordnerin zugleich wäre." Diese frühere Jüdin, nun eine gläubige Christin, erzählt: „Freilich, was viele Geistliche aus Christus machen, macht ihn unkenntlich. Er würde viele seiner Bekenner aus dem Tempel jagen, wenn er sähe, wie sie die Nichtchristen, vor Allen: die Juden behandeln. Wenn die Apostel heute noch lebten, miißten sie sich getaufte Juden nennen, oder ähnlich schelten lassen. Denn die Menschen christlicher Abstammung sagen das mit einem gewissen Hochmut. Man hat daran gearbeitet, mir die Seele zu verbittern, es ist nicht gelungen, so wenig es gelungen ist, meinen Vorfahren durch bald 2000 Jahre lange Qualen das Gemüt zu verderben und sie zu entmenschen." Die Doktorin erzählt Brigitta, wie sie vor Jahren brustleidend in einer Schweizer Pension für Deutsche lebte. Dort war ein kranker Geistlicher. Er fühlte sich ' stark genug, sein Amt auch hier zu üben und hielt sie, ihrem Aeußern nach, für eine Jüdin- Er predigte in den bittersten Worten gegen die Juden. „Alles sah auf mich. Der Geistliche hatte ein Zorneswort des Apostel, das noch mitten im Kanipfe um die neue Lehre aus gestoßen war, auf die Gegenwart angewendet. Er verstand nicht die Hoheit Jesu Christi zu fassen und seine erhabene Heilsbotschaft, daß alle Menschen Kinder Gottes sind. Alles zog sich von mir zurück, ich sah, daß ich in Acht und Bann gethan war. Ich ging in ein anderes Haus. Ich hätte ja leicht sagen können: ich bin getauft, ich schämte mich dessen, daß sich Menschen nach dem Heiland nennen und so zu handeln vermögen. Ein Edelmann aus Pommern war der Einzige, der sich meiner annahin. Er hatte bisher keinen Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens gekannt, allein er hielt es für Pflicht, sich der von Lieblosigkeit und Haß Verfolgten anzunehmen. Da ich seinen menschenfreundlichen Sinn erkannte, sagte ich ihm, daß ich Christin sei. Er war strenggläubiger Christ, von jenem Tage an zerfiell er mit dem Glauben; mir ist es gelungen, ihn in der reinen Gotteserkenntnis festzuhalten. Noch kämpfte in mir Zorn und Haß. Ich habe mit diesem bösen Geiste gerungen, bis ich mir sagte, nein, das sollen die Bösen nicht bewirken, daß sie mir das Herz vergiften. Nein, ich thue denen, die sich Christen, Bekenner der Religion der Liebe nennen, so viel Gutes, als ich kann. Das freilich kann ich nicht, die Feinde lieben kann ich nicht, und ich kenne Niemand, der es vermag, ja ich glaube, das Wort ist nicht so gemeint, sondern es gilt nur, was dann gesagt ist: Gutes thun kann ich und muß ich auch denen, die mich kränkten."*) ■ Das schrieb Berthold Auerbach in Zeiten tiefster Erregung und Verbitterung. So war und bleibt er immerdar ein Priester der reinsten Menschenliebe. *) Aehnlich sagt Goethe: „Warum sollte ich nicht gestehen, daß mir bei jener großen Forderung, man solle seine Feinde lieben, das Wort lieben gemißbraucht oder wenigstenin sehr uneigentlichem Sinne gebraucht scheint." (Bd. 27. 330. Hempel'sche Ausgabe.) 9*