Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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84 Werlhold Auerbach als Jude. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. (Fortsetzung.) Ueber die „Petition an Bismarck gegen die Inden", schreibt er — 11. November 1880. — „Das also müssen wir noch erleben. Ich sah es kommen, ich habe mehrfach gewarnt und gemahnt. Ich wollte im Januar eine große Versammlung veranstalten, zu welcher durch Karten und durch persönliche Aufforderung die augesehensten Männer aus der Wissenschaft, ans der Bürgerschaft und so weit es ging, aus dem Beamtenthum eingeladen werden sollten, um die aufgeworfene sogenannte Judenfrage einmal energisch abzuthnn, bevor das Nebel weiter fraß und bevor diese Aufwiegelungen in die niederen Kreise, in die Bierstuben hinabträufelten, von wo sie schwer mehr herauszuholen sind. Ich wurde teils ausgelacht, teils als Schwärmer und Phantast angesehen. Die Einen sagten mir, das gehe bald wieder vorüber, die Andern entgegnet?», von unfern Rechten können Sie uns nichts nehmen, die Dritten behaupteten mit Lustigkeit, diese ganze Sache müsse mit Witz und Spott behandelt werden, jede andere Waffe sei zu gut und unwirksam zugleich. Ich habe endlich davon abgelassen, denn ich habe ja noch Anderes zu thun. Aber mitten in meine Arbeiten hinein spukte es wie ein Gespenst: Da suchst Du nuü ethische Gedanken in die Massen hineinzubringen, da hegst Du nun mit aller Emsigkeit einzelne Pflanzen und ein Gewittersturm und Windbruch reißt ganze Wälder zusammen! Und wenn nun Bismarck darauf antwortet, daß er mit den Postulaten und ihren Begründungen nicht einverstanden sei — da kann selbst der Gewaltige nicht helfen. Die tiefe Verhetzung, die Aufreizung zur Empörung, den scheelen Blick, der auf jeden Juden fällt, das Alles kann er nicht aus den Gemütern Herausreißen, und ich kenne die Welt genugsam, ich weiß wie im Casino zu Rastatt, in den Weinstuben in Bingen und im Bierkeller zu München das Alles mit Jubel ausgenommen wird. Müssen wir in unserem Alter unthätig und stillduldend Zusehen, wie das Unheil immer größer wird und was die Kinder in der Schule leiden, von Lehrern und Mitschülern? Ich sehe in die trübste Zukunft hinein." Wenige Tage später — 14. November 1880 — konnte Auerbach hinzufügen: „Wie eine Gewitterbefreiung empfindeich; die elektrische drückende Schwüle hat sich gelöst und man athniet frei. Eine Erklärung der besten Männer, an ihrer Spitze Forkenbek und Mommsen, brandmarkte die Infamie der Antisemiten. Da lebt man wieder freudig auf, da sieht man, die Sache der Juden ist nicht ihre eigne Sache, sondern zugleich die der Freiheit und Menschlichkeit, und was wir lange und immer hofften, daß nicht wir Juden uns zu wehren haben, sondern daß Christen die Initiative nehmen, ist geschehen und in der besten Weise. Nun kann man wieder ruhig arbeiten und weiter leben, man weiß, man lebt unter treuen Volksgenossen, und arbeitet für sie. — Es kann sein, daß sich die alte Geschichte vom Bileam wiederholt, er wurde berufen zu fluchen und mußte segnen. Die Agitation gegen die Juden kann ein Segen sein, der gemeine Bodensatz ist aufgerührt und wird nun ausgeworfen." Aber nur eine Woche darauf klagt Auerbach wieder: „Vergebens gelebt und gearbeitet — das ist der zermalmende Eindruck der zweitägigen Juden-Debatte im Abgeordnetenhause. Erbitterung über die entsetzliche Thatsache, daß solche Rohheit, solche Verlogenheit und solcher Haß