Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 kraft und Besonnenheit, der, ob auch nicht zur Partei der Eiferer gehörig, von dem Vertrauen des Volkes getragen, die Leitung der Staatsangelegenheit in Händen behielt. Seinem Einflüsse ist es zuzuschreiben, daß zumeist gemäßigtere Elemente mit der Führung der Bewegung betraut wurden. Den wichtigsten Posten erhielt Joseph b. Mathia, bekannt unter dem Namen Josephus Flavius. Er war im Jahre 38 n. Ehr. aus priesterlichem Geschlechte geboren und entstammte mütterlicherseits dem hasmonäischen Königshause. Durch die sorgfältige Erziehung, die er genossen, gewann er früh Verständnis für das griechische Schrifttum, selbstverständlich Vertrautheit mit der nationalen Litteratur. Sein Wissensdurst trieb ihn in früher Jugend an, die verschiedenen Parteischattirungen innerhalb des jüdischen Volkslebens kennen zu lernen. *) Von bedeutendem Einflüsse auf sein - Leben und seine politische Stellung war eine Reise nach Rom, die er im Interesse politischer Gefangener unternommen hatte. Ein jüdischer Schauspieler führte ihn dort bei der judenfreundlichen Kaiserin Poppäa ein und ihrem Einflüsse verdankte er die Freigebung der Gefangenen. In die Heimat zurückgekehrt. fand er jene Bewegung vor, die ihn zur thätigen Teilnahme an dem Geschicke des Vaterlands rief — dem kaum dreißigjährigen Manne ward die schwierigste Aufgabe zu Teil, die Verteidigung Galiläa's, das, im Norden Palästina's gelegen, den Schlüssel zum Süden des Landes, folglich auch zu Jerusalem, bildete, ein Landstrich, in dem die verschiedensten Elemente und Interessen hart auf einander stießen. Welches Vertrauen brachten Volk und Rat dem verhältnismäßig jungen Manne entgegen! Und seine in Galiläa entwickelte Thätigkeit rechtfertigt das in ihn gesetzte Vertrauen! Er that alles, was er zu thun vermochte. An den wichtigsten Punkten des Landes legte er neue Festungen an, die alten, schadhaft gewordenen ließ er ausbessern und die Jugend rief er zu den Waffen, um sie nach römischer Art kriegstüchtig zu machen. Vor allem hielt er auf Gesetzmäßigkeit und strenge Zucht im Innern, zog sich aber gerade dadurch, weil er dem auch sonst in Galiläa heimisch gewesenen Räuberunwesen zu steuern suchte, Verdächtigung und Feindschaft von Seiten der mit der strengen Maßnahme Unzuftiedenen zu, was seine politische und persönliche Gegner nach allen Richtungen hin auszunützen suchten; bei ihren Gesinnungsgenossen, den Zeloten, verdächtigten sie ihn, als habe er die Absicht, das Land den Römern zu übergeben, bei dem Hohen Rate zu Jerusalem aber stellten sie ihn als einen Ehrgeizigen hin, der die Macht in Galiläa austrebe, um sich das Schiedsrichteramt in der von Parteien zerklüfteten Hauptstadt zu sichern. In Folge dessen sah sich der Rat genötigt, vier angesehene Männer mit der Aufgabe zu betrauen, das Gebühren des Josephus am Schauplatze seiner Thätigkeit zu untersuchen. Allein gar bald sollten die Männer aus Jerusalem erfahren, wie fest das Volk zu seinem Führer hielt. Wie ei» Mann erhob es sich und pries seine Tapferkeit und Umsicht, seine Uneiaennützigkeit und Besonnenheit und da er den Willen äußerte, dem Drängen seiner Gegner nachzugeben, die Führerschaft, die ihni ohnehin Eifersüchtelei erschwerte, niederzulegen und nach Jerusalem zurückzukehren; da erhob sich einmütig das Volk und bat ihn mit thränenerstickter Stimme, zu bleiben — eine Abordnung sollte bei dem Hohen Rate dahin wirken, daß Josephus auf dem ihm verliehenen Posten auch für fernerhin bestätigt werde. Das geschah auch. Nunmehr konnte der Feldherr, der die ') Vita 1-4.