Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969768-2969773--2543-2972730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
80 und an das Bazaine's nach dem deutsch-französischen Kriege zu erinnern. Allerdings muß zugegeben werden, daß es seinen Schriften nicht selten an Wendungen fehlt, die geeignet sind, auf uns abstoßend zu wirken; er war eben Hofhistoriograph geworden und selbst den Besten dieser Art haftet etwas — nennen mir es: Treitschkeartiges! an; dennoch wäre es Unrecht, ihm den Charakter jeder Glaubwürdigkeit abzusprechen; er schrieb unter den Augen derer, die Zeugen des Krieges waren, deren Verurteilung, ja Verachtung er gewärtig sein mußte, falls er falsche Angabe über Zeit und Ereignisse gemacht hätte; zudem spricht auch die Kontrolle mit den von ihm erwähnten Schriften und Aussprüchen völlig zu Gunsten seiner Glaubwürdigkeit?) Was wir nunmehr über die Vorgeschichte und den Verlauf des Krieges sowie über die Person und Thätiakeit des Josephus berichten, stützt sich auf dessen Angaben in dem von ihm verfaßten Büche: „Ueber den jüdischen Krieg", der einzigen vollständigen Quelle für die Geschichte jener Zeit, sowie seiner Vita, der Darstellung seines Lebenslaufes. Der Anfang des jüdischen Krieges, der mit der Zerstörung Jerusalem's und der Vernichtung des jüdischen Staatslebens endete, wird gewöhnlich in das Jahr 66, also vier Jahre vor Jerusalem's Zerstörung gesetzt; in Wahrheit aber fand es viel früher statt. Als schroffe Gegensätze erscheinen in der Patriarchengeschichte die feindlichen Brüder Jakob und Esau und die Traditionen der Ahnen vererbten sich auf die Kinder, schroffe Gegensätze waren auch Judäa und Rom. Das leichtsinnige, aber allezeit praktische Rom, das mit unerbittlicher Konsequenz und strenger Logik, die Welt zu beherrschen, auszusaugen und zu genießen verstand, konnte naturgemäß das träumerische, unpraktische Volk der Juden nicht begreifen, das nie zu genießen verstand, aber allezeit zu leiden bereit war, das einen Gott verehrte, der nie gesehen werden konnte und heilig wie der von ihm bekannte Gott in einem von tausend Schranken eingeengten Leben sein wollte. Eine Reihe von Mißverständnissen, vor allem Rücksichtslosigkeit von Seiten der genuß- und habsüchtigen Landpfleger, die zu jener Zeit Palästina im Namen Rom's regierten, sowie der Haß und Spott der Heiden führten die Juden zur Empörung. Voran ging mit bösem Beispiele die Stadt Cäsarea am Meere. Die hier wohnenden Heiden vermaßen sich in ihrem Uebermute, den Juden in ihrer eigenen Stadt, me ein jüdischer König aus jüdischen Mitteln erbaut hatte, das Bürgerrecht streitig zu machen. Die mutige jüdische Jugend trat mit den Waffen in der Hand für ihre Rechte ein, während die Alten Schutz suchten bei dem Statthalter Florus, einem geizigen, verschlagenen Manne, der alles, auch Raub und Mord billigte, wenn ihm nur sein Anteil an der Beute ward. Florus hörte gnädig Juden wie Heiden an, nahm huldreichst von beiden Seiten Bestechung und ließ alles beim Akten, so daß die Juden, des langen Haders und Kampfes müde, sich endlich genötigt sahen, die Stadt zu verlassen. Florus, dessen Hilfe die Juden noch einmal angerufen hatten, wollte Geld, nichts als Geld — die Tempelschätze sollten für ihn geöffnet werden. In Jerusalem aber war die Erbitterung gegen ihn auf's Höchste gestiegen und machte sich im Spotte Luft. Männer gingen mit einem Bettlerbeutel durch die Straßen und fleheten spöttisch um Almosen für den armen, unglücklichen Florus. *) Bgl. Cruice, de Fl. J. in autoribus contra Apionem afferendis fide et autoritate 1844.