Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 eine folgenreiche geistige Bewegung. Der festgefügte Charakter des Altertums und seiner Gestalten war in Zersetzung und Auflösung begriffen und an die Stelle heroischer Kraft trat ein Zeitalter der Kompromisse. Rom hatte den Gipfelpunkt seiner Macht überschritten und suchte durch das Anlehnen an Griechenlands Kunst und Sprache neue Säfte sich zuzuführeu — aus der Verbindung des idealen Platonismus mit der Ruhe, die Epikur's Lehre von sich verbreitete, entstand der Stoizismus, der im edlen Seneca seinen besten Vertreter gefunden. Morsch waren die Altäre der heidnischen Götterwelt geworden und mit Schaudern wandten sich bessere, tiefer angelegte Naturen von dem ab, was in Rom und Egypten als Religion galt; das offizielle Judentum aber war durch die Zäune, die es um seine Lehre aufgeworfen hatte, zu exklusiv geworden, um die „Fülle der Heiden", wie der Geistesblick der Propheten es für die Zukunft geschaut, aufnehmen zu können — da trat Paulus auf, der griechische Jude, ein Mann des Kompromisses, und bahnte durch die Verbindung des Judentums mit dem Heidentum das Christentum an, das, weil einem Kompromisse sein Dasein dankend, etwa ein Jahrhundert lang völlig unbeachtet blieb. Und eine Persönlichkeit des Kompromisses war auch Josephns Flavius — ein Jude und doch auch ein Römer; Priester und Feldherr in einer Person, gleich gewandt mit dem Schwerte, wie mit der Feder; ein bewährter Führer durch Palästina's blutgetränkte Gefilde, aber ebenso heimisch auf dem Forum romanum und dem ältesten Ghetto der Welt. Er ist beinahe der einzige Jude seiner Zeit, dessen Schriften der Weltlitteratur angehören und doch, eigentlich ist er ein römischer Schriftsteller, dessen Werke nächst den Schriften Cäsar's die beste Quelle für Rom's vielgepriesene Kriegskunst bilden. So tritt uns in ihm die interessante Erscheinung entgegen: ein Jude aus Palästina schreibt in der Sprache der Griechen zunächst für Römer über die Juden und drei Jahrhunderte später las das ganze Abendland seine Schriften in lateinischer Sprache und Engländer und Niederländer, Deutsche, Italiener und Franzosen wetteiferten, seine Werke den Völkern zugänglich zu machen. Und interessant, wie die Persönlichkeit, ist auch die Beurteilung, die sie gefunden. Josephus war ein Jude, fromme Christen aber haben ihn zum Christen gestempelt* *), ja sein Buch ward-noch in neuester Zeit der Andacht des christlichen Hauses empfohlen ^); anderen wieder mißfiel sein Rationalismus und sie verwarfen ihn als einen Heiden; er war ein streng frommer Jude, der mit Ernst auf die Erfüllung aller Satzungen des Judentums drang und doch, der Talmud nennt nicht seinen Namen; er hat mit Schwert und Feder für Israel gekämpft, aber nur selten wird sein Mut und Verdienst gewürdigt, hingegen wird er fast einstimmig des Verrates gegen Volk und Vaterland angeklagt. Ist die Anklage gerechtfertigt? Ich schicke vorweg mein: Nein! voraus; wenigstens konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß das unglückliche Ende' des Krieges naturgemäß alle Sympathien den Unterlegenen zuwendet, in demselben Maße aber ihm, dem Einzigen, der scheinbar unversehrt aus der Katastrophe hervorging, jede Sympathie entzieht, ein Vorgang, der übrigens nicht ganz vereinzelt in der Geschichte ist; wir brauchen nur an das Geschick Görgey's nach der ungarischen Revolution *) Bgl. Vhelocius Ej). ad Arnold, Haverc. II. 2b; Bonus, Exercit. ad Fl. J. periochum de J. Chr., p. 4 in Ottii Spicil. ex. Fl. J. ad N. T. Lugd. 1741. *) Bgl. die Borrede zu den Altertümern von K. Marbin, II Bde., Köln 1852—1853.