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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-03-01 · Heft 3 (1.3.1889) · p. Seite 55

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 3 (1.3.1889)
Date
1889-03-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 das aufnehme. Denn ein neuer Judenhaß ist in flagranti und wird von allen Seiten geschürt. Da liest mau Dinge, die man nicht mehr für niöglich gehalten hätte. Wenn rohe Völker Fanatismus haben, so ist das eine Naturwildheit, aber ich glaube, daß das Christentum alle Religionen an geschriebener Verfolgungssncht übertrifft. Vor mir liegt eine Brochüre: „Der zerstörende Einfluß des Judentums im Deutschen Reich". Die Verfasser wissen, daß sie lügen und thun's doch, da muß mau sich wieder zu seinen Staminesgenossen stellen." Der Plan zur jüdische» Dorfgeschichte, auf de» Auerbach oft znrückkam,*) ward bei der Fülle anderer dichterrischer Arbeiten nicht verivirklicht. Wohl aber ließ Auerbach den guten Stahl seiner Feder in der seitdem immer gewaltsamer auftretenden antisemitischen Hetzperivde nie rosten und rasten. So schrieb er Neujahr 1876 gegen Professor Dr. Billroth in Wien: „Es ist mir als hätte ich das Neujahr mit einem frommen Werke begonnen. Rüthselhaft ist mir der neuerwachte furor teutonicus gegen die Juden. Ich möchte die Grundquelle finden. Besteht sie vielleicht darin, daß das Selbstgefühl der Deutschen jetzt erwacht ist? Aber der Judenhaß war ja auch in Zeiten der Unterdrückung und besonders in der Reaction von 1812—1830. Wo steckt es also?" 1876 teilt Auerbach mit: „Professor Reuleaux erzählte mir, daß ein Lehrer in der höheren Mädchenschule und einer im Gymnasium stets die jüdischen Kinder plagen. Ja von Ersterem stehe in der Zeitung, daß er gesagt habe, öffentlich in der Klasse, der Massenmörder Thomas könne nur ein Jude gewesen sein. Empörung und Verzweiflung fassen die Seele, daß derartiges noch möglich ist. Aber das kommt von der Lüge der Liebe. Die christlichen Geistlichen erteilten den Sklavenhaltern das Abendmahl und predigten sie sonntäglich an von Liebe und Gotteskindschaft. Da wird natürlich Alles Humbug, Phrase und Convenienz." Im selben Jahre 1876 veröffentlichte ein Berliner Stadtgerichtsrat „Die goldene Internationale", in der (schreibt Auerbach) „Alles zusammengeschaufelt sein soll, was sich jetzt im ökonomischen Katzenjammer gegen die Juden aufthut. Es herrscht hier darob große Aufregung. Ein Kreisrichter, vr. Kolkmann in Löban, schrieb eine Broschüre für die Inden und schickte sie mir. Ist es nicht entsetzlich, daß das Alles nochmals sein muß? Vor nun 50 Jahren hat Hofacker in Stuttgart und dann Rotteck in Karlsruhe gegen die Juden geeifert und das immer wieder. Es läßt mir keine Ruhe. Ich meine, ich müsse jetzt, nicht dichterisch, sondern didaktisch jenes Buch schreiben, das ich „Wir Juden" betiteln wollte. Ich habe die Stellung, daß man mich hört und liest und das ist das Wichtigste. Aber ich bin leider vom Persönlichen so in Anspruch genommen, daß ich nicht kann. Die Bitterkeit in mir könnte ich schon Niederkämpfen, aber die Lahmheit der Menschen (der Betroffenen) macht auch mich lahm." 1879 schreibt Auerbach: „Ich wollte heute arbeiten. Da lese ich in der Zeitung, daß eben in diesen Tagen ein Prozeß vor Gericht verhandelt wird gegen Juden, die ein Christenmädchen getödtet und ihm für Ostern das Blut abgezapft haben sollen. Das steht so da und da soll ich nun eine Dichtung zu Papier bringen, um ein ethisches Motiv zum Austrag zu bringen? Ich bin so außer mir und weiß doch nicht wo hinaus. Ich habe eine in allen Zeitungen zu veröffentlichende *) Schon 1861 sprach er den Wunsch aus: Ich möchte einmal dazu kommen, in einem großen Roman das gesammte jüdische Leben zu fassen, da wäre die nationale Gesinnung der Juden bei den verschiedenen Völkern ein bedeutendes Moment.

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