Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1889)
- Date
- 1889-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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38 ihn sein Leben zu prüfen, ob dieser Unglücksfall nicht irgend eine wohlverdiente Strafe für eilt begangenes Unrecht sei? Haltet ihr mich denn in Verdacht ob eines Vergehens? fragte betroffen R. Hnna. Und sollten wir etwa Gott verdächtigen oder gar der Ungerechtigkeit beschuldigen? Nun so sprechet euch offen aus, wenn ihr an mir etwas zu tadeln habt. Wir hörten, erwiderten die Rabbiner, daß dn dem Weinbergarbeiter seinen Teil an de» abgeschnittenen Reben nicht gibst. Glaubt ihr denn nicht, daß er mir noch mehr als seinen Teil davon stiehlt? Du kennst wohl das Sprichwort, sprachen sie, stiehl dem Diebe und Du kostest auch den Geschmack des Diebstahls. Sie ließen nicht ab, bis er die Versicherung gab, fortan dem Arbeiter seinen Teil an den Ranken zu geben.') Um sich in der Arbeit nicht zu stören, brauchen die Arbeiter nicht die Bäume oder die Mauern und sonstige unsichere Plätze, wo sie sich eben in der Arbeit befinden, zu verlassen und auf festen Boden hinabzusteigen, um das Schcma-Bekeniitnis zu lesen. Auch sonstige Verkürzungen des Gebets und Erleichterungen sind ihnen gestattet. *) Die Arbeiter sind auch während der Arbeit befreit von den den Gelehrten schuldigen Ehrenbezeigungen durch Erheben von den Sitzen; nur den zu den heiligen Festen Wallfahrenden sollen sie sie erweisen.:1) Die Beschäftigung mit der Gotteslehre, welche das Judentum seinen Bekenner» zur heiligste» Pflicht macht, und welche bei Tag und bei Nacht gepflegt werden soll, will nicht die Arbeit aus dem menschlichen Leben verbannen. Im Gegenteil wird uns jenes Leben als harmonisch gepriesen, das die Beschäftigung mit der Thora mit irgend einer Lebensthätigkeit verbindet, denn nur beides im innigen Vereine bewahrt den Menschen vor Sünde. Ja das Studium ohne Lebenserwerb ist in seinem Bestände im Vorhinein bedroht. 4) Wer auch nur einen Satz des Morgens und einen des Abends studiert und den ganzen Tag seiner Arbeit nach geht, wird betrachtet wie einer, der die ganze Thora vollkommen erfüllt.fl) Wer auch nur morgens und abends einen Abschnitt studiert, hat schon erfüllt das Wort der Schrift (Jos. 1, 8): „Nicht soll das Buch dieser Lehre von deinem Munde weichen". Ja es genügt dieser Pflicht das tägliche Schema-Lesen morgens und abends.") Selbst bei Bestimmung der Festzeiten nahm Gott auf die Arbeit Rücksicht und weil zur Zeit des Pessach- und Succotfestes keine Arbeit ist, bestimmte Gott dazu sieben, beziehungsweise acht Tage. Das Wochenfest, das mitten in die Arbeitszeit (Weizenernte) fällt, dauert nur einen Tag. 7) Erwirb dir die Kenntnis eines Handwerks mit der Kenntnis der Thora, sagen die Alten im Namen der heiligen Genossenschaft.8) Diese erhielt das Attribut heilig nur aus dem Grunde, weil sie ihre Tageseinteilung nach drei Richtungen machen. Sie verwenden ein Dritteil ihrer Zeit auf die Beschäftigung mit der Thora, das zweite Dritteil auf Gebet und das Letzte auf die Arbeit, oder weil sie im Winter studieren, im Sommer arbeiten. '•') Es ist einleuchtend, daß ein Volk, welches durch seine Religion in solchen Grundsätzen über die Arbeit erzogen wird, eine unverlöschliche Liebe zur Arbeit besitzen muß. Denn liebt Gott die Arbeit und geht mit gutem Beispiele voraus, sind die größten Namen der Geschichte Arbeiter in des Wortes wahrstem Sinne, Berach. 5. 2) ebend. 16. ->) Kiddnsch. 33. 4) Aboth 2, 2. 5) Mechilta *>) Menach. 99. 7) Jalkut 906. “) Wahrscheinlich die Essäer. ») Jalkut Kohelet 9, 9.