Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1889)
- Date
- 1889-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 und Abertausende fanden den Tod auf dem Scheiterhaufen. Die Schwächeren flüchteten sich nach Portugal, aber auch da war ihnen nur eine fünfjährige Erholung gegönnt und dann ihnen wiederum keine andere Wahl gelassen, als sich taufen zu lassen oder unter Henkershand zu sterben. Selbst die Verbannung, selbst die Flucht war ihnen verboten. In der That wohin sollten sie fliehen, um dem Auge des mächtigen Philipp II. entgehen zu können, unter dessen Scepter die ganze Halbinsel sich beugen mußte? Seitdem seine Armada rettungslos zu Grunde gegangen, gab es nur ein einziges Land, auf welches sie ihre Hoffnung setzen konnten: Holland, und in diesem Lande war eine Stadt, die ihnen Freiheit versprach: Amsterdam. Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe, England hielt jeglichen Zutritt für sie so streng verschlossen, daß selbst siebenzig Jahre später nicht mehr als 12 Juden in London zu finden waren. Frankreich war so sehr von Vorurtheilen geknechtet, daß noch nach Verlauf eines Jahrhunderts König Ludwig XIV. nichts Besseres wissen wollte, als daß es für jeden christlichen Staat eine Schande sei, die Juden innerhalb seines Gebietes zu dulden. Und Deutschland? da wurde schon das Morden geplant, welches demnächst die Ghetti von Frankfurt, Worms und Speier mit Entsetzen erfüllen sollte — da wurzelte der Glaubenshaß so tief, daß noch im achtzehnten Jahrhundert jeder Jude durch Königlichen Erlaß gezwungen war, das Schandmal des Bankerottiers auf demKopfe zu tragen. Nur Niederland allein war den Juden ein schützender Zufluchtsort; doch nicht das ganze Niederland. In Hoorn wollte man sie ins Gefängnis werfen, in Alkmaar ihnen eine Stätte versagen, wo ihre Toten ruhen könnten; Utrecht wollte sie im Stadtgebiete nicht dulden und Middleburg, trotz der beredten Verwendung des Marokkanischen Gesandten Samuel Palache, hat sie schmählich zurückgewiesen. Amsterdam allein bot den Unglücklichen die Hand der Gastfreiheit. Diese nahmen sie an. Heimlich aus Lissabon entronnen, aber bald von einem englischen Kriegsschiffe aufgegriffen, wurden sie in London festgenommen und waren schon zum Tode verurteilt, als es ihnen mit genauer Not gelang, die strenge Königin zu bewegen, daß sie ihnen die Ueberfahrt gestattete nach dem gelobten Lande, nach Niederland. Aber ein wütender Sturm faßte das Fahrzeug und schleuderte es an die Ostfriesische Küste. Von da aus erreichen sie endlich nach langer langer Fahrt unseren Hafen: Jakob Tirado, Miguel Lopez, Manuel Lopez und seine bildschöne Braut Maria Nunez. Hunderte, Tausende folgten ihnen, denn Amsterdam hält Wort: frei und unbehelligt legen sie das erheuchelte Schein-Christentum wieder ab und finden das, was sie zwei Jahrhunderte haben entbehren ntüsien. Davon zeugen andere Tausende ihrer Glaubensgenossen, welche zwanzig und fünfzig Jahre später dem Blutbad in Deutschland und Polen entronnen, sich bei ihnen niederließen; davon legen die zahlreichen Synagogen, die eine nach der anderen erbaut wurden, beredtes Zeugnis ab. Allerdings mochte für den müden Jrrfahrer aus dem Osten in dem Lichte seiner weitgehenden Hoffnungen auch unsere Stadt nur ein Ort der Verbannung bleiben, er lernte aber doch unter dem erwärmenden Strahle der Freiheit und des Friedens sie als ein zweites Vaterland lieb gewinnen. Wir schließen diesen Bericht mit einem Satze Hoop-Scheffer's aus seiner Rektoratsrede „Das protestantische Amsterdam hat seine Menschlichkeit niemals frömmer und fruchtbringender bethätigt, als bei diesem Willkommenheißen desHauses Jakobs."