Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1889)
- Date
- 1889-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Reinheit. Kein Dichter vertritt so den Glauben an die Menschen, wie Lessing." Im November 1861 berichtet Auerbach aus Berlin von einer „freudigen Begegnung mit Jakob Grimm. „Der kernhafte Alte hat in seinem ganzen Wesen etwas wie ein Priester, der aus seiner eingeschlossenen Tempelstille manchmal hinausgeht in die Welt. Er sprach — und sein Gesicht wurde groß dabei — daß eine ganze Erneuerung und Umgestaltung der Religion eintreten müsse und er erwartete das schon in den nächsten Jahrzehnten. Ich sagte ihm, daß ich auch schon spürte, wie im Alter der Athem der Erwartung kürzer würde, man wolle da Alles bald haben, ich wäre zufrieden, wenn das in einigen Jahrhunderten einträte." Im Dezember 1861 theilte Auerbach einen Ausspruch des Dichters Rückert über Barfüßele mit: „Der Ritt in den Wald gehört zu dem Schönsten was die Poesie hat." lieber den süddeutschen Juden spricht sich Auerbach gelegentlich einer Reise nach Stuttgart — April 1862 — ans: er sei ein ganz anderer, als der norddeutsche, der hauptsächlich in Städten wohne. Der süddeutsche jüdische Handelsmann ist ein Mittelding zwischen Bauer, Kaufmann und Städter. Zu Fichtes hundertjährigem Geburtstage — 19. Mai 1862 — hielt Auerbach in Berlin die Festrede. Darauf schreibt er: „Gestern bringt die Kreuzzeitung eine ganz in ihrer Art wirksame, verdrehte Auffassung des Fichtefestes und hat den klugen Punkt herausgesucht, Veit (den Vorsitzenden des Festkomites) und mich mit dem Judenhaß Fichte's, denn den hatte er, zu verhöhnen. Es rächt sich alle Schuld. Ich hatte mir vorgenommen, und auch Beit davon gesagt, daß ich in meiner Rede eine Verwahrung gegen den Terrorismus Fichte's, namentlich in Bezug auf die Juden, einlegen wolle. Es fügte sich nicht und es wollte mir auch nicht angemessen bedünken, immer Alles unter dem Gesichtspunkte eines Verhältnisses zu uns Juden zu markiren. Ich werde mir's merken, mich nicht mehr zu einer Verschweigung einer bedingenden Verwahrung verführen zu lassen." Bei der Todesnachricht von Gabriel Rießer wehklagt Auerbach (1863) „Rießer tobt! Nie habe ich einen Menschen gekannt, der gleichmäßiger human, gut und fein war und für alles Echte teilnehmend, wie er." 1839 hatte Auerbach geschrieben: Mit Rießer stehe ich, wenngleich auf Du, doch in keinem vertrauten Verhältniß, das erquicklich wäre. Rießer ist ein zu sehr sich verbrauchender allgemeiner Menschenfreund. Er hat zu viel stereotype Bonhommie, seine Freundschaft ist zuviel gesucht, als daß man zu ihm in jenen persönlichen speziellen Bezug käme, den ich fordere und fordern muß. Es mag Dir komisch klingen: Ich erkenne in Rießer eine echte Tribünengestalt, wie ich mir sie bei den Alten denke, mit unendlicher persönlicher Einnehmbarkeit, deren Leutseligkeit und Herablassung das Vergöttertwerden nicht ausschließt, ja sogar in sich schließt. Er vergibt sich nie und gibt sich doch Allen, dabei hat er etwas Goethe'sches, eine gewisse Naturvornehmigkeit, und iovische Ruhe. In seiner imponirenden Gestalt und beweglichen Behäbigkeit liegt der Ausdruck der verschiedenartigen Elemente." Im August 1865 schrieb Auerbach über den am 13. gestorbenen Dichter Wilhelm Wolfsohn: „Unser Freund war eine so weiche Natur, daß ihm die eigentlich strenge Arbeit schwer wurde, er lebte sich in jeder Lebensbewegung voll aus, er hielt Jeden für wert, seinen ganzen Lebensinhalt ihm konversationell darzubieten und alles in ihm war voll unbefleckbaren Seelenadels. Jetzt, da wir wissen, wie krank er stets war, bereuen wir, ihn oft zu straffer Energie gescholten zu haben."