Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1889)
- Date
- 1889-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 während man mit ganzer Seele für das Volkswohl arbeitet, auch noch das hinnehmen zu müssen." Wenige Wochen darauf — 27. Januar 1861 — war das Stiftungsfest des Vereins zur Unterstütznng armer jüdischer Studirender, zu dem Auerbach vom Comitö eingeladen und aufgefordert wurde, vor und behufs der Sammlung von milden Gaben einen Trinkspruch auszubringen. „Während ich sprach — schreibt er — fiel mir ein, wie wunderbar es ist, daß ich, der ich selbst als armer Student Wohlthaten empfangen, solche jetzt für Andere solle schaffen können. Ich gedachte Mendelssohns, dessen Namen stets bei solchen Festen genannt werden müsse, und wie ehedem die Wohlthätigkeit eine persönliche war, weil man Gott, das reine Menschenthum von Angesicht zu Angesicht sah, und der Geber und Empfänger des Guten einander lieben konnten. Jetzt wird Geld gegeben. Geber und Empfänger kennen einander nicht. Die Wohlthat ist jetzt wie Regen und Thau vom Himmel, und der Empfänger ist der Menschheit dankbar. Zuletzt ging ich dararauf über, daß, als Moses nicht mehr die Hände erheben konnte um zu beten, zwei Männer hüben und drüben ihn stützten, die Arme hoch hielten. Auch die Wissenschaft ist Gebet, daß, wie jene Stützenden durch ihr Stützen beteten, so, die den Jünger der Wissenschaft stützen, selbst die Wissenschaft pflegen, und ich schloß: Auf, erhebt Euere Hände, stützt. Ein Sturm von Begeisterung. Ich fühlte wie noch nie die Segnung, daß mir das Wort gegeben ist. Die Sammlung war so reichlich, wie noch nie. Auch eine Denkmünze auf Moses Mendelssohn wurde mit eingelegt, sie stammt aus dem Nachlasse Humboldt's. Sie wurde sofort versteigert, von einem jungen Kaufmanne erstanden, mir öffentlich verehrt. Die Missionärs-Natur in mir weist mich auf meinen Reduerberuf hin. Ich habe mehr Befriedigung vom Reden, als vom Schreiben. Die unmittelbare Wirkung macht mich ganz glücklich." Der hetzerische' Angriff im Junkerblatt und die wirkungsvolle Rede im Unterstützungsverein beim Einzug Auerbachs in Berlin waren von kennzeichnender Vorbedeutung für sein ferneres Leben in der nachmaligen Reichshauptstadt. Es war reich an Ehren und Anerkennung, reicher noch an Angriffen und Verbitterung. Es fragt sich, ob Berlin der geeignete Wohnort für ihn war. Im Jahre 1861 schrieb er: er habe große Sehnsucht nach Dresden. „Dort waren die Bäume im großen Garten meine langjährigen persönlichen Bekannten und hier ist mir selbst die Natur fremd." Im September 1861 finden wir Auerbach auf einer Reise in Straßburg. Er besucht dort am Neujahrabend die Synagoge, „weil er gern seine Zugehörigkeit dokumentire," und freut sich, daß der Vorbeter, ein alter Bekannter, „wunderschön singt." Wenige Tage darauf schreibt er von einem Streit, den ein Reisebekannter seinetwegen „mit einem Fremden, einem preußischen Major" gehabt. „Der preußische Major — schrieb Auerbach — hatte auf mich gejüdelt. Das ist eine schöne Ironie. Ich suche überall Propaganda zu machen für richtige Erkenntnis des Preußentums und Einheit von Nord und Süd, und werde dafür bejüdelt.-Es freut mich herzlich, daß mir der (badische) Major Müller sagte: „Ihr Juden müßt große Menschenliebe haben, damit Ihr nicht verbittert werdet. Mich fassen glücklicherweise solche Mückenstiche gar nicht mehr an. Ich bin in einer anderen Welt." — Nathan der Weise lehrt — fügt Auerbach wenige Tage später hinzu: Glaube an die Menschen, ihre Güte und