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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-01-01 · Heft 1 (1.1.1889) · p. Seite 10

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 1 (1.1.1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Reiben- und Aufeinanderfolge. Wir wissen, die Propheten sind Männer der fortschreitenden Entwickelung, oft im Gegensätze zu den Königen und Priestern. Sie eifern für den Geist der Lehre gegen die Form des Gesetzes, sie erweitern und erheben das nationale Judentum zu einer universalen Weltreligion, betonen die innere Religiosität, die Humanität und Moral im Gegensatz zur formalen, äußerlichen Werkheiligkeit. Auch die Tochterreligionen des Judentums, Christentum und Islam, haben eine zweite mündliche Lehre außer der schriftlichen, ebenfalls als Prinzip der Fortentwickelung. Im Islam ist sie durch die Sunna (Mischna) vertreten, im Christentum, dem katholischen, durch die Kirche und den Papst, in der evangelischen Kirche durch das Prinzip der Reformation. Sogar die „Unfehlbarkeit des Papstes", so unglaublich es auch scheint, vertritt das Prinzip des - Fortschritts. Sie gibt dem Papst als solchem (ex sese, ex cathedra) das Recht, zeitweilig das Bestehende der Kirche aufzuheben, davon zu dispensiren, dagegen zu entscheiden. Aehnliche Befugnisse gibt der Talmud den Rabbinen. Beispiele davon finden sich auch schon in dem früheren kanonischen und apokryphischen Schrifttum (horaat schaah; eth laasoth etc). Das Prinzip des Fortschritts und der Entwickelung ist dem Judentum immanent; durch dasselbe ist es erhalten worden und am Leben geblieben. Wer es anders will, wer den Fortschritt und die Entwickelung bekämpft und dem Stillstand huldigt, beabsichtigt oder begünstigt dadurch den Untergang und Tod des Judentums. Die sogenannte mündliche Lehre, das zweite Gesetz, die Tradition, geht von Anfang an neben der schriftlichen Lehre her. Das ganze mosaische Gesetz, die sogenannte schriftliche Lehre ist sogar dem Wechsel und der Abänderung anheinigegeben und auch so behandelt worden. Nur das in Stein gegrabene, gleichsam mit dem Finger Gottes geschriebene sogenannte Zehngebot gilt als ewig und unabänderlich. Der Pentateuch liefert nur das mosaische Gesetz in besonderer Form für Land, Volk und Verhältnisse damaliger Zeit. Nur der Geist dieser Gesetze ist ewig, die Form ist veränderlich. Schon die Propheten eifern für den Geist gegen die Form, ihre Gegner, das sogenannte conservative Element im Volke, sind die Priester. Sie, obwohl die bestellten Lehrer, werden in der historischen Kette der Ueberlieferung (Abot 1,1) selbst nicht als die Nachfolger der Propheten genannt, sondern die Männer der großen Synagoge. Als nach dem babylonischen Exil bei der Restauration des Staates und Tempels behufs neuer Organisation unter veränderten Verhältnissen die Frage, ob Fortschritt und Entwickelung, oder Stillstand und Rückschritt eine brennende wurde, bildete sich die Pharisäer- und Sadducäer-, die Volks- und Priesterpartei. Die Kämpfe unter diesen dauerten fort, bis nach der nochmaligen Zerstörung von Staat und Tempel der Einfluß der Priester nachließ und endlich aufhörte. Da änderten sich die Verhältnisse wiederum unter der römischen Macht und dem Einflüsse des Christentums. Die Schule Akibas hielt eine neue Modifikation der Gesetzgebung für nothwendig und zulässig, aber nur der Form nach, unter steter Hinweisung und Berufung auf den Geist des geschriebenen Gesetzes. Nur dieses war maßgebend und sollte es bleiben; das mündliche Gesetz, — die modificirten Formen der Gesetzgebung, wie sie die verschiedenen und neuen Zeiten, Orte und Verhältnisse notwendig gemacht hatten, — war bis jetzt nicht ausgeschrieben worden, um nicht der Nachwelt als ein zweites geschriebenes Gesetz zu gelten, welches wider Recht und Absicht, ebenfalls gleich dem ersten geschriebenen Gesetz oder sogar mehr als dieses, bindende und hemmende Kraft erlangen könnte, um

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