Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bewegten, da schwebte ich im seligsten Aether, nnd Alles, was ich davon festgebannt, ist leider nicht der volle Klang dessen, was in meiner Seele tönte. Das Buch ist ein Lebensabschnitt von mir." (Fortsetzung folgt.) StiMand oder Jorlschrilt im Judentum. Die zwei Partei.en des Stillstands und des Fortschritts bekämpfen sich, wie in der Politik auch in der Religion, von jeher. Vom Fortschritt befürchtet man die stürmische Umwälzung, vom Stillstand den verderblichen Rückschritt, und daher die gegenseitige Bekämpfung. Bewegung ist Leben, Bewegungslosigkeit. Stillstand ist Tod. Es gibt in Natur und Leben keinen Stillstand; wo dieser eintritt, ist rückwärtige Bewegung — Rückschritt, Auflösung, Untergang. Tod. Dies ist notwendig, unvermeidlich, unausbleiblich. Beim Fortschritt hingegen ist stürmische Umwälzung, Zerstörung wohl möglich, aber nicht notwendig und unvermeidlich. Immerhin jedoch ist Fortschritt, Bewegung noch Leben und nicht Tod, also hier auch Aufbesserung und Wiederaufbau -noch zulässig und erstrebbar. Jedenfalls und überall ist daher Fortschritt dem Stillstand vorzuziehen. Selbstverständlich reden wir nicht dem stürmischen, zerstörenden, sondern dem ruhigen (mäßigen), erhaltenden (conservativen) Fortschritt das Wort; deni Stillstand nnd Rückschritt aber, weil zerstörend und Tod bringend, ist die Vernunft auf geistigem, politischen und religiösem Gebiete abhold, wie die Natur auf materiellem. Deni Judentum wohnt das Princip des Fortschritts, der Entwickelung von Anfang an ein; die theoretischen und faktischen Beweise dafür liegen vor. Neben der schriftlichen Lehre bestand von vornherein eine mündliche; die Anordnungen der letzteren standen allzeitig der sinaitischen Offenbarungslehre gleich (halachah lemosche misinai). Mit Recht hielten deshalb, eben um der Entwickelung willen, die Rabbinen ihre Lehren und Anordnungen der später» Zeit für wichtiger nnd bedeutungsvoller, als die der früheren. Die Tora selbst (I)eut 17.) erklärt demgemäß die Entscheidungen der Lehrer und Richter jeder Zeit für maßgebend nnd der Talmud setzt erläuternd hinzu: Jefta hatte in seiner Zeit dieselbe Geltung wie Samuel in der seinigen. Moses selbst ist das Vorbild der Entwickelungsthevrie. Er nimmt Einrichtungen der Vorzeit auf, läßt Vorgefundene Anordnungen, die nicht plötzlich zu beseitigen waren, bestehen, unterwirft sie aber der Fortentwickelung und allmählicher Beseitigung. So Polygamie, Opferdienst, Priesterklasse. Rachegesetz (Zahn um Zahn) Blutrache, (Asylstädte), Schwagerehe, (Scheidung durch Chalizahl u. s. w. Auch ist das mosaische Gesetz der Wüste nicht dem des heiligen Landes gleich, die Gesetzgebung der Wüstenwandernng nicht derjenigen der Einwanderung in's Land oder der Offen? barung in den Ebenen Moabs an der Grenze des Landes. Die letztere heißt ausdrücklich das zweite Gesetz (misoltnel» tera). Die Fortentwickelung, Kette der Ueberlieferung genannt, geht von Moses auf Josua, auf die Nettesten, die Propheten, die Männer der großen Synagoge u. s. >v. über, alle bleiben im Contakt mit der mosaischen Lehre und Gesetzgebung, ihrem Geiste, nicht ihren Formen nach. Ausdrücklich werden die Propheten in der Kette der historischen Fortentivickelnng genannt, nicht die Richter und Könige oder Priester in ihrer