Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 9 (1889)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 sie sonst wankend geworden wäre, einen festen Schutz und Anhalt finden und nimmermehr darf es Vorkommen, daß von dort, wo das Recht gepflegt und geschützt werden soll, Unrecht und Gewaltthat ausgeht. Wahrlich! es ist keine geringe Verantwortlichkeit, die diejenigen auf sich nehmen, welche dem Judentume als Führer und Leiter vorangehen, als Wegweiser uns die Richtung vorzeichnen, auf welcher wir dahinwandeln sollen. Es sind die heiligsten Güter unseres Lebens, unseres Menschtums, deren treue Behütung ihnen übertragen ist; es ist nichts geringeres als das Heil unserer Seele, der Fortbestand unserer Lehre, die Zukunft des Judentums, die da in Frage kömmt, wo über die Gestaltung unseres Religionslebens zu entscheiden ist. Die Religion ist eine heilige Sache, die mit heiligem Ernst und nicht mit spöttischem Leichtsinne zu behandeln ist; die Religion ist das Recht Gottes auf Erden, darüber wir Menschen nicht nach unserem oberflächlichen Gutdünken abzuurteilen haben. Ist das Judentum ein überwundener Standpunkt, ein aufgegebener Posten, dann kann es uns ja ganz gleichgültig fein, was mau aus ihm macht; dann ist iu der That alles gut, alles recht, was damit geschieht. Vergessen wir aber nur nicht, daß, wenn wir über das Judentum so denken, dann auch Israel selbst als ein aufgegebener Posten dastehen wird, dessen Dasein den Völkern so gleichgültig ist, daß sie, wenn er ihnen irgendwie hinderlich ist, ihn ohne weiteres Hinwegräumen. Das Judentum ist und bleibt die Seele und der Lebensgeist Israels, und wenn es nicht mehr unsere Religion ist, die man an uns achtet, wenn wir, anstatt unser heiliges Erbgut zu schützen, es der Verwahrlofilng preisgeben, die Quelle unseres Geisteslebens versiegen und versumpfen lassen, was bleibt dann noch an uns übrig, das uns Ehre und Würde verleiht? Das Judentum ist gleichsam das Schiff, das über die erregten Wogen der verschiedenen Zeitströmungen uns dahinträgt, die Arche Noas, die uns Schutz und Zuflucht gewährt, wenn aus den Quellen des Hasses die Ströme der Verfolgung sich über uns ergießen wollen. Glauben wir nur nicht, daß, wenn wir dieses Schiff scheitern lassen, Israel dann dennoch in dem großen Völkermeere leicht und flott hindurchschwimmen wird. Haben wir unseren Gott verloren, unsere Religion aufgegeben, dann sind wir selbst verloren und haben alles aufgegeben, was uns Bestand für die Zukunft verleiht. Lassen wir daher die rechten Steuermänner hervortreten, die das schwankende Schiff recht zu lenken wissen, lassen wir uns von denen leiten, die mit Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, mit Einsicht und Weisheit unser Heil zu erstreben und zu erhalten suchen! Daun können wir getrost in die Zukunft hinausschreiten, hoffend der Zeit entgegenblicken, in der Gottessinn und Wahrheitssinn die Geister erhellen, Eintracht und Friede die Herzen erquicken, Liebe und Tugend die Gemüter vereinen werden, der Zeit der allumfassenden Gerechtigkeit und Menschenliebe, in der der Herr uns den Frieden zum Richter bestellt und zum Führer das Heil. Merthold Aueröach als Jude. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. Am 8. Februar 1882, unmittelbar vor seinem 70. Geburtstage, hauchte Berthold Auerbach, der edelsten Deutschen und der besten Juden Einer, fern von deutschem Boden, den er geliebt und verherrlicht wie Wenige, in dem französischen Kurorte Cannes, sein edles, dem deutschen Volke im idealsten Sinne geweihtes