Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1889-01-01 · Heft 1 (1.1.1889) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
9 (1889)
Issue
Heft 1 (1.1.1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969768-2969770--2457-2972641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 lei Bilder hinkritzeln würde, die mit ihrem groben Anstrich, ihren schreienden Farben, ihrem bunten Durcheinander den Anblick einer noch nicht dagewesenen Verunstaltung des Judentums darbieten. Es mag nun sein, daß manche an diesem Anblicke, der neben seiner lächerlichen auch seine überaus klägliche Seite hat, ein ganz eigenartiges Ergötzen finden und ihre Gewissensfreiheit erlaubt ihnen das, aber auch diejenigen, die darüber anders denken und die Religion, die den Menschen zur Anschauung des Göttlichen erheben soll, noch als eine ernste Sache ansehen, dürften sich es einmal erlauben, sich das Judentum recht anzuschauen und dem schmählichen Verfall, der schon tief genug eingerissen ist, zu steuern und Einhalt zu thun. Und da hätten wir denn, uv die rechte Ordnung zu schaffen und eine heilsame Neugestaltung herbeizuführen, zunächst wiederum jene alte Vorschrift zu beachten, die da lautet: „Richter und Wächter sollst du dir bestellen überall, wo deine Stammesgenossenschaft sich zusammenfindet, und mit gerechtem Urteil sollen sie entscheiden inmitten des Volkes." Wir müssen uns dazu entschließen können, uns der Führung berufener Wegweiser anzlwertrauen und diese müssen wiederum entschlossen sein, mit Weisheit und Gerechtigkeit eine heilsame Entscheidung zum Besseren herbeizufnhreu. Die Religion ist dazu bestimmt, ein geistiges Eigentum aller Menschen zu sein. Gottesfürchtig und rechtschaffen zu sein, dazu sind alle Erdenkinder berufen und befähigt. Nur auf unser redliches Wollen koinnit es an, so wir Gott nahe bleiben wollen in treuer Erfüllung seines heiligen Gebotes, nicht auf das reiche Wissen und nicht auf sonstige Geistesvorzüge, die dem einen in größerem, dem anderen in geringerem Maße verliehen sind. Der Weg zur sittlichen Vollendung, zur ewigen Seligkeit ist jedem geöffnet und es gehört keine höhere Erkenntnis, keine tiefere Einsicht dazu, um das Gute von dem Bösen zu unterscheiden, die Tugend zu erwählen und das Unrecht zu verwerfen. Dieser Grundsatz der Gleichheit Aller auf dein Boden der Religion ist nirgendswo so klar bezeugt und so deutlich ausgesprochen als in der Lehre des Judentums. Die Lehre, die uns Moses befohlen, sie ist unser Erbgut, daran wir alle gleichen Anteil haben, sie ist ein Eigentum der Gemeinde Jakobs. Von einer Zurücksetzung des einen und einer Bevorzugung des anderen kann also, wo es sich um die Bewahrung dieses heiligen Erbbesitzes Israels handelt, nicht die Rede sein. Nicht den Eingeweihten allein ist es Vorbehalten, diesen Schatz zu hüten, noch sind zugleich die Fernestehenden darauf hingewiesen, sich davon auszuschließen und zurückzuziehen. Es ist daher als ein gemeinsames Recht, aber mehr noch als eine gemeinsame Pflicht aller Bekenner unserer Lehre anzusehen, daß sie alle an dem heiligen Werke der Bewahrung derselben vollen Anteil nehmen und nicht etwa das Judentum seinem eigenen Geschicke überlassen, als ob es sie gar nichts anginge, oder es Einzelnen überlassen, dieses sogenannte Judentum, das sie einmal nicht los werden, in die Hand zu nehmen und mit ihm nach eigenem Ermessen und Gutdünken zu verfahren. Wir sollen uns alle mit unserer Lehre beschäftigen, in sie Einsicht nehmen und dadurch für unser Herz Weisheit erlangen. Aber thuen wir das auch? wird nicht gerade diese wichtigste Pflicht des Judentums von uns am meisten vernachlässigt und hintangesetzt? Eine Ansicht hat zwar in Israel ein jeder und zwar ist seine Ansicht immer die beste und richtigste, die es gibt, Ein si ch t ist aber bei den Wenigsten zu finden. Das Judentum wird dazu noch heutzutage mit einer Verächtlichkeit und Geringschätzung behandelt, die ihres Gleichen zu suchen hat. Auf sonstigen Gebieten des Geisteslebens, sei es der Wissenschaft oder der Religion oder irgend eines Faches, bei welchem die menschliche Denk- 1*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.