Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1888)
- Date
- 1888-12-01
- Page
- Seite 282 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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282 zugehe, wie auf einem „polnischen Reichstage". Möchten doch die Juden auf dem Lande endlich den von der Orthodoxie für heilig gehaltenen Mißbrauch, in den Synagogen öffentliche Versteigerungen abzuhalten, durch welche das Recht erkauft wird, gewisse Funktionen zu verrichten, aus denselben bannen, denn das Judentum wird dadurch nur dem Spotte ausgesetzt. — Man schreibt uns: Kürzlich fand in Willmnrs die Fahnenweihe des Kriegervereines statt, welcher eine große Zahl jüdischer Mitglieder zählt. Dem dortigen protestantischen Lehrer, der, wie überall auf den kleinen Dörfern, in öffentlichen Fragen tonangebend ist, waren aber zu viel Juden im Vereine; er steht demselben deshalb vollständig fremd gegenüber und beteiligte sich auch dieses Mal nicht an dem Feste. Der wackere Kriegerverein, der solche Gesinnungen nicht teilt, übertrug nun dem dortigen israelitischen Lehrer, die offizielle Fest- und Begrüßungsrede, die derselbe auch in meisterhafter Weise hielt. Die Vorstände der zum Feste erschienenen Kriegervereine betonten es in recht anerkennenswerter Weise, daß sie und ihre Kameraden keinen konfessionellen Unterschied machen. Bezeichnend für den wackeren Sinn der Bürger von Willmars ist es übrigens, daß in der Gemeindeverwaltung mehrere Juden sitzen. — Seitdem Graf Douglas in seiner bekannten Rede am 4. Oktober in Ascherslelmi mit der Autorität, welche ihm die nähere Bekanntschaft mit dem Kaiser Wilhelm verleiht, sich gegen die Anschauung gewendet hat, als ob der Kaiser in kirchlicher und politischer Beziehung mit der äußersten Rechten sympathisire und die antisemitischen Tendenzen des Herrn Stöcker begünstige, sind gewisse Kreise arg enttäuscht. — In seiner Schrift „Friedrich der Edle und seine Aerzte" widerlegt Marell Mackenste die vielfach von Antisemiten mitgeteilte Thatsache, daß er von Juden abstamme, fügt aber hinzu: „Ich brauche nicht zu sagen, daß wenn ich wirklich zu dem bemerkenswerten Stamm gehören würde, welcher auf jedem Gebiete der Litteratur, der Kunst und Wissenschaft so viele Männer von höchster Auszeichnung hervorbrachte, ich stolz darauf wäre, anstatt mich solcher zu schämen. — In der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik, die jüngst in Iranlrfurt a. M. stattfand, bildete den ersten Gegenstand der Tagesordnung: Wucher auf dem Lande und die Mittel zu seiner Abhülfe. Herr Geh. Oberregierungsrat Dr. Thiel- Berlin betonte, daß dem Verein jede antisemitische Bestrebung fern liege, doch meinte er, sei es Pflicht, dem allgeineinen Gefiihle, daß Jude und Wucherer synonyme Begriffe seien, Ausdruck zu geben. Herr Dr. Sil)napper-Arndt-Wiesbaden meinte, man dürfe nicht die Leidenschaften aufreizen und nicht Unschuldige zu Mitschuldigen von Wucherern machen. Herr Ministerialrat Duchenberger- Karlsruhe will die konfessionelle Seite außer Acht gelassen haben, da es ganz gleichgültig sei, ob die Wucherer Heiden, Juden oder Christen seien. — In Mihlitz wurde Herr Dr. Simon Stern aus Prag als Rabbiner gewählt und in Ueubydzom Herr Dr. Adolf Hahn bisher in Hradisih. — In Sjatmar wurde Herr Dr. A. Maier zum Stnlrichter ernannt. — Man schreibt uns: In Bczedelr starb am 23. September Herr Äalrob Zchmarh im 88. Jahre seines Lebens. Der Verstorbene war weit über die Grenzen seines Wohnortes durch seinen ehrenhaften Charakter und durch sein menschenfreundliches und mildthätiges Wirken bekannt. Welch hoher Achtung sich der Verblichene erfreute, zeigte sich bei seinem Leichenbegängnisse, zu dem sich von allen Orten, wohin die traurige Kunde gelangt war, zahlreiche Bekannte eingefunden hatten. An der Bahre sprachen die Rabbinen aus Daja, Mohärs und Kittlös und während des Leichenbegängnisses läuteten die Kirchenglocken sämmtlicher christlicher Konfessionen. — In