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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-12-01 · Heft 12 (1.12.1888) · p. Seite 274

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 12 (1.12.1888)
Date
1888-12-01
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 Hilleliten hingegen behaupteten, das richtige Verfahren bestehe darin, daß man mit jedem Tage die Anzahl der Lichter um eines vermehrt und daß demnach die aufsteigende Reihenfolge einzuhalten sei. Es scheint das an und für sich eine Streitfrage von ganz untergeordneter Bedeutung zu sein und am wenigsten könnte man der Annahme sich hinneigen, daß diese Meinungsverschiedenheit irgend etwas mit sittlichen Gedanken und geistigen Anschauungen zu thun habe. Solche sind auch von den Weisen des Talmuds, die in eine nähere Besprechung derselben eingehen, in ihr weder gesucht noch gefunden worden. Sie fragen zwar, was sonst selten der Fall ist, nach den Gründen, die für die eine oder für die andere Ansicht sich geltend machen ließen, aber sie kommen dabei über das Aeußerliche, auf das damals das Hauptgewicht gelegt wurde, nicht hinaus. Die Meinung, daß nach der Ansicht Hillels so viel Lichter angezündet werden als bereits Tage der Festzeit verflossen sind, nach der Lehre Schamniais aber so viel, als ihrer noch kommen sollen, erklärt überhaupt nichts. Nur theilweise Richtiges bietet eine zweite Erklärung, nach welcher Schammai sich darauf berufen konnte, daß auch bei der alten Feier des Hüttenfestes die Anzahl der Opfer sich täglich um eines verringerte, während für die Hilleliten hier der Grundsatz maßgebend gewesen wäre, daß in Dingen der Weihe und Heiligung im Dienste Gottes nur ein stetes Fortschreiten und Weitersteigen am Orte sei, durch ein rückgehendes Verfahren aber ihrer Würdigkeit Abbruch gethan werde. Wie wenig verläßlich diese Erklärung ist, beweist die Anwendung des letztangeführten Lehrsatzes, die hier geradezu als verfehlt und irrig sich darstellt. Die Meinung der Schammaiten, daß am ersten Abende acht Lichter anzuzünden seien, wäre schon aus dem Grunde nicht zu verwerfen, weil das Fest bei seinem Anbeginne noch in vollem Schmucke erneuter Weihe erscheint und daher auch da seinen vollen Glanz entfalten sollte, und die Hilleliten haben wahrscheinlich nur deshalb für die aufsteigende Zahlenfolge sich entschieden, weil das stets wachsende zunehmende Licht ihnen ein Bild der fortschreitenden Erlösung Israels war, wie denn auch der Prophet, auf das erhabene Ziel derselben hinblickend, die Verheißung verkündet: Es wird das von Finsternis umlagerte Mondenlicht dem ein Strahlenmeer ergießenden Sonnenlichte, das Sonnenlicht dem über alle Dunkelheit siegenden schöpferischen Urlichte gleichen und alle Trübnis aufhören an dem Tage, an dem der Herr die Wunden seines Volkes heilen und von jeglichen Leid und Elend es freimachen wird. In der That liegt aber die Ursache für die hier obwaltende Meinungsverschiedenheit viel tiefer, als etwa nach dem Bisherigen sich annehmen ließe. Wohl ist es nur eine Förmlichkeit, die durch dieselbe in Frage kömmt, aber diese war in höchstem Maße dazu geeignet, einem Gedanken Anschaulichkeit, einer Gesinnung Ausdruck zu geben. Ja, es sollte in ihr nicht etwa nur ein einzelner Gedanke, sondern eine ganze religiöse Richtung sich ausprägen. Zwei entgegengesetzte, das ganze Gebiet des Judentums umfassende Anschauungen wollen in der einen oder anderen Art der Uebung des altheiligen Brauches ihre Bekundung finden. Die Schammaiten, nach deren Lehre die Zahl der Lichter sich täglich um eines vermindert, waren Männer des Stillstandes, des Rückschrittes, die von einer wachsenden Erkenntnis von einer dem höher entwickelten Geistesleben entsprechenden Fortbildung und Umgestaltung des Judentums nichts wissen wollten. Für sie gab es da keinen Unterschied zwischen Kern und Schale, zwischen nährender Frucht und welkender Blüte, zwischen innerem Gehalt und äußerlicher Ausschmückung; der geringfügigste Brauch hatte für sie dieselbe Heiligkeit wie das

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