Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1888)
- Date
- 1888-12-01
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Aus Komperts Schriften glauben wir hierauf folgende Antwort zu entnehmen: Er muß die Bildungen der Zeit ruhig und ohne Aufregung betrachten; kalt wie ein Richter muß er ein wohlerwogen Urteil fällen. In Fortschritt und Rückgang, im Vordrängen und Zurückweichen wird der Historiker nicht die Leidenschaft und den Mutwillen, nicht die Verkehrtheit und den falschen Zug der Erkenntnis, nicht Leichtfertigkeit und Vergewaltigung, nicht Herrschsucht und Ueberhebung, sondern den Wellenschlag der Geschichte erkettiien, der die Anschauungen der Äenschen in einer gedankenreichen Zeit berührt. Denn langsam und leise, unmerklich und nur nach großen Zeitabschnitten kenntlich, wie die Umwandlung sittlicher Begriffe, sind die Bewegungen und Veränderungen in dem religiösen Leben der Geschlechter. Aus tausend Mächten setzt sich die große Kraft des geschichtlichen Zuges und Erfolges zusammen. In sie ziehen aus Weltteilen und Himmelsstrichen, von Volksstöminen und Glaubensgenossenschaften Ströme von Geist und Gewalt. — Jedes Gebilde der Narur erstarkt in sich, und ist wieder durch den einenden Zug der Säfte an das große Allleben gefestet und gekettet. Der menschliche Gedanke leuchtet in dem Haupte des kundigen Mannes, und sendet einen der vielen Strahlen hin, welche znsammentreffend die glänzenden Sternbilder der Wissenschaft erglühen lassen. So sind auch die Stämme und die Glaubensgemeinden. In sich gesichert und enggefügt, erhöht durch die errungene Kenntnis und Läuterung, sind sie die Säulen, die den Riesenbau der Gotteserkenntnis und der Menschenliebe tragen. Die Lehre Israels aber, die Wissenschaft unseres Glaubens ist der in der Geschichte erprobte, gewaltige Pfosten, der das weite Himmelszelt des reinen Glaubens und des edelsten Menschentumes stützt. Die Edlen, welche diese Lehre und Wissenschaft Hochhalten, greifen unsichtbar ein in das Gebilde der Zukunft. Sie haben Theil an dem, was die kommende Zeit schafft und herbeiführt. Der Lichtgruß unseres Weihefestes. Jil den Lehrhäuseru, in welchen die Aussprüche Hillel's und Schammais, dieser beiden gefeierten Meister der jüdischen Gesetzeskunde, vorgetragen und besprochen wurden, kam es einmal zu einem lebhaften Meinungsstreite betreffs einzelner Bestimmungen über die Weihelichter, die nach althergebrachter Sitte alljährlich an den Chanukkahtagen angezündet werden. Niemand zweifelte daran, daß vom Beginne dieser Festzeit bis zu ihrem Ausgange täglich von Neuem der heilige Brauch zu üben sei; niemand bestritt es ferner, daß die Zahl der anzuzündenden Lichter mit jedem Abend sich ändere, aber über eines konnten sie sich nicht einigen und schlüssig mache», eines war fraglich und bedurfte, da keine sichere Ueberlieferung darüber vorhanden war, einer näheren Feststellung. Es handelte sich da nämlich darum, ob am ersten Tage ein Licht und dann folgeweise immer eines mehr oder am ersten Tage acht Lichter und dann täglich immer eines weniger anzuzünden sei. Für das letztere entschieden sich die Gesetzeslehrer der Schammai'schen Schule, sie meinten, es sei in absteigender Reihenfolge der Zahlen vorzugehen, so daß auf den ersten Tag des Weihefestes acht Lichter kommen und dann ans jeden anderen Tag immer eines weniger. Die