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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-12-01 · Heft 12 (1.12.1888) · p. Seite 275

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 12 (1.12.1888)
Date
1888-12-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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275 erhabenste Sittengesetz, wenn er nur von altersher eingesetzt war. Den Fremden, der in die Glaubensgemeinde Israel eintreten und die Grundlehre des Jndentunis kennen lernen will, weist Schammai mit dem Rohrstabe ab, denn für ihn ist auf dem Gebiete des Judentums alles grundlegend, auch die unwesentlichste Förmlichkeit, ihm droht das ganze Religionsgebäude zusammenzustürzen, wenn da auch nur ein Steinchen herausgenommen wird. Die Lehre Israels ist ihm ein Erbe der Vergangenheit, das mit allem dem Staube der Jahrhunderte, der sich darüber hingelagert, bewahrt werden muß; ob es dadurch verunstaltet erscheint, ist ihm völlig gleichgiltig. Die Erhaltung des Judentums besteht in der Erhaltung seiner starren Aeußerlichkeit, die Satzungen sollen wie eine hohe Mauer und wie ein festes Bollwerk die Religion umwallen und wo da noch irgendwo eine Lücke besteht, da soll sie ansgefüllt, alles Zweifelhafte dadurch beseitigt werden, daß man Erschwerungen an dessen Stelle setzt. Ganz anders dachten die Hilleliten. Für sie war das Judentum nicht ein Erstarrtes und Abgeschlossenes, daran nichts zu bessern und zu ändern sei; für sie war es nicht so sehr eine Religion der Vergangenheit, als vielmehr eine Religion der Zukunft, die stets durch ihren unvergänglichen, unerschöpflichen Lebensgeist sich verjüngt, eine Leine. die entwicklungsfähig ist, deren der gesteigerten Erkenntnis entsprechende Fortbildung nicht gehemmt und zurückgedrängt werden dürfe. Für sie war das Judentum nicht etwa nur die volkstüniliche Lehre Israels, sondern die allumfassende Lehre der Menscheit, deren Grundgedanken in Geist und Gemüt aller Erdenbewvhner eine Stätte finden sollen, damit sie von da aus fruchtbar und segensvoll in das Leben hinausreifen. Den Heiden, der die Aufnahme im Judentum begehrt und zuvor dessen Grundgesetze kennen will, weist Hillel nicht zurück, er sagt ihm vielmehr, daß das Judentum eine Lehre der Menschenliebe und Menschentugend ist, und daher nicht als alleiniges Erbe und Eigentum. Israels anzusehen ist. Du sollst jeden Menschen, welchem Stamme er auch immer angehöre, als deinen Nächsten betrachten, sollst Liebe, Freundlichkeit und Wohlwollen ihm entgegenbringen, sollst auf sein Recht, seine Ehre, sein Gut, sein Leben so bedacht sein, als ob es das deine wäre und so dem Nebenmenschen die Liebe gewähren, die du gewöhnlich nur deinem Stammes- oder Glaubensgenossen bietest; das, sagt Hillel, ist das Judentum, das ist seine ganze Lehre, das will es andern Völkern verkünde», ans diesen Standpunkt will es als Weltreligion die Menschheit bringen. Was du sonst an ihr siehst, ist nur die Erklärung und die Erweiterung dieses Grundgesetzes und verliert seine Bedeutung und ist der Entwicklung des Judentums nur schädlich und hinderlich, wenn es nicht durchhaucht ist von diesem Geiste, getragen von dem Gebote der Liebe, von reiner edler Menschlichkeit, die die Frucht des ernsten lebendigen Gottessinnes ist. Die Religion mit Unformen und sinnlosen Bräuchen zu belasten und zu beschweren, ihrer Fortentwickelung überall Steine des Anstoßes in den Weg zu legen, ihr den Weg zu versperren, der über die engen Schranken des israelitischen Volkstumes in die großen Kreise der Menschheit sie einführt, das war der Hillel'schen Richtung entschieden zuwider. Jetzt verstehen wir auch den bereits angeführten Meinungsstreit. Für Schammai hat das Judentum seinen höchsten Glanz in der Vergangenheit entfaltet, dahin sollen wir stets znrückblicken, zurückkehreu; was alt ist, ist unbedingt heilig und darf nicht geändert werde», es inag für spätere Zeiten noch so widersinnig erscheinen. Je mehr wir uns von der Vergangenheit entfernen, desto mehr erblaßt der Glanz Israels und wenn Ereignisse eintreten, wie zur Zeit der Makkabäer, da sollen wir nur daran denken, daß das alles nur ein matter

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