Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1888)
- Date
- 1888-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 mit dem Blatte aus dem Talmud zum Verhöre vor dem strengen Vetter führt?) oder den „hochwürdigen Bachur" auf deni Dorfe bei dem offenen Folianten, in dem er nicht liest, verkümmern läßt?^) Die Bilder, die Kompert vorführt, deuten auf die Geschichte. Wer klaren Auges in die. Zeiten blickt, wer sich gewöhnt hat, mit historischer Folgerichtigkeit die Begebenheiten ins Auge zu fassen, der wird bei allen Fragen und Widersprüchen, bei der wechselnden religiösen Wallung und Wandlung festen Muth und sichernde Zuversicht bewahren. Ein Blick in die Geschichte der alten Zeit bestätiget dieses Vertrauen. Da lesen wir in den Büchern der Könige, in diesen alten historischen Schriften, von einem mächtigen und waffengerüsteten Gegensätze. Blutiger Kampf tobt und Völkerstreit umgibt uns. Fremder Glaube und fremde Sitten ringen mit der alten Ordnung der Vorzeit. Und das Ergebnis des Ringens solcher Gewalten tritt vor uns in großen historischen Bildern. Propheten erstehen, welche dem Volke Judas und allen Stämmen der Erde den reinsten Begriff der Geisteswahrheit, den lauterste» Glauben, den edelsten Gottesdienst verkünden, welche die mildesten Gebote des Rechtes, der Tugend und der Liebe predigen. Der große Perserkönig ist ein Bote Gottes. Gefestiget und geläutert erblicken wir Israel in seinem Glauben. Auf die Geschichte muß der Denker die religiösen Fragen der Zeit zurückführen. Bei der Betrachtung der keimenden und reifenden geschichtlichen Entwicklung löst sich Zweifel undWiederspruch. Da läßt sich nichts überstürzen! Da kann man nichts zurückhalten! Es rächt sich jede Uebereilung. Willst du die Kraft gewaltsam einschließen, so wächst ihre Gewalt und heftiger und mächtiger bricht sie nach außen! Im Hinweise ans die Bewegungen des historischen Lebens zeichnet Kompert vortreffliche Gestalten. Dort ist ein junger Prediger in der Gemeinde. Er hatte im ersten Eifer und erglüht für seine Stellung an gar manches in der Gasse die ^lxt gelegt und das dem Feuer überlassen, lvas nicht abgestorben und nicht tobt war, sondern bei einiger Rücksicht noch ein schönes Spätleben verhieß. „Nur die Menschen nicht gewaltsam nötigen", sagt der Mann mit der richtig geschliffenen Geistesbrille. „Nur abwarten, bis das Nachdenken kommt und einzieht." 3) Dort ist wieder ein Greis, der sich in seinen Lehnsessel eingewöhnt hat und mit Verachtung ans die schönsten und kunstreichsten Einrichtungsstücke blickt, deren Füllung und Polster er unächt schilt. „Zn der Zeit, welche Menschen unsrer Tage hervorgebracht hat, zu dem Geiste unseres Geschlechtes, der ihm unsichtbar und sichtbar überall entgegentritt, steht er in immerwährendem Gegensätze. Er kann sich die Zerstörungslnst dieses Geistes nicht erklären. Er begreift nicht, warum die Menschen dieser Zeit beständig das scharfe Beil in ihren Händen schwingen möchten." „Aber in der Tiefe der Seele ahnt auch er, daß die Jüngeren unter dem Einflüsse einer Macht stehen, welche ihnen die zerstörende Waffe aufdrängt." Z Wie soll aber der, welcher mitten in der bewegten Zeit steht, prüfend in die Erscheinungen der Geschichte blicken? Wie soll der Mann, der selbst erfaßt wird und treibt in dein gewaltigen Sturme der Zeit, über die Mächte ein Urteil fällen, die da kreisen und schäumen im Tiefinnern des Lebens der Stämme und Völker? <) Der Dorfgeher. K. g. Sch. II. S. 28. Am Pfluge. K. g. Sch. III. S. 218. -) Eisiks Brille. K. g. Sch. IV. S. 9. *) Roßhaare. K. g. Sch. IV. S. 41.