Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-12-01 · Heft 12 (1.12.1888) · p. Seite 269

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 12 (1.12.1888)
Date
1888-12-01
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969767--2429-2972612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

269 — teuer. Eine tiefe religiöse Strömung bemächtigte sich seiner. Er betete noch immer hebräisch unter dein lateinischen Gruße seiner Genossen. Jetzt sprach er noch inniger während des Ave Maria der katholischen Schule sein Schema Jisrael. Mitten unter den Klängen eines fremden Kultus den Aufruf an sich, „den Gott seines Volkes, den einzigen, ewigen Gott nicht zu vergessen." Die fremde Schule, die Welt gab Moritz den Glauben. Als Mann der Wissenschaft weihte er ihm seine tiefinnersten Gedanken. Aber seine Schwester Hanele war beim Randar ans dem Dorfe geblieben . . . ohne eine Anregung als die des wiederkehrenden Brauches . . . ohne eine Kenntnis der Glaubenslehre, der erhabenen Sätze der Wahrheit und der erweckenden Geschichte der Ahnen. Als Kind saß sie neben ihrem katholischen Gespielen und betete aus einem hebräischen Andachtsbuche, das sie nicht verstand. Als Moritz, ein gebildeter Jüngling, in die Heimat kommt, da bemerkt er mit Staunen, daß Hanele so gar nichts wußte. Er sah sie niemals, auch nicht am Sabbat, mit einem Gebetbuche in der Hand. Dafür aber kannte sie alle Lieder, die in dem Dorfe geläufig waren, und sang sie mit frischer Stimme. Am Tage der Kirchweih — die Mutter lag im Sterben — da nimmt sie heimlich das Geld, das Honza, der Freund ihrer Kindheit, nötig hat, um auf das Priesterseminar zu ziehen. Sie bringt es ihm und versäumt den Segen und den Tod der Mutter. Sie wäre verloren, wenn sie der Bruder nicht rettet. Moritz ist Arzt in einem stillen Ghetto Böhmens. Er heilt kranke Leiber und Seelen. Seine Schwester ist ein Beweis hiefür. *) Kompert, der im Unterrichtsfache erfahrene Mann, der im Schulrate des Landes Oesterreich saß, der in der Führung der Lehranstalten Wiens eine maßgebende Stimme hatte, der die Verhältnisse der jüdischen Schulen der großen Glaubensgemeinde leitete, läßt uns in die Uebelstände der alten Erziehungsmethode blicken, weist aber nicht bestimmt auf eine neue, heilbringende Richtung hin. Nur eine Andeutung vermögen wir in seinen Schriften zu finden. Das Entstehen tüchtiger Schulmänner, das Eingreifen gewiegter, in sich vollendeter und dnrchbildeter Pädagogen. Julius Arnsteiner wird, trotz seiner Uebertreibungen, trotzdem er einem verbildeten, bleichsüchtigen Mädchen, welches der Arzt zur Erholung in das Dorf schickt, und welches rasch die Fluren und das Feld lieben lernt, seine Participialkonstruktion und die Anweisung zum Lesen des Telemach nachsendet,2) obwohl er bei der Erklärung der eigentümlichen Ausdrucksweise der Schrift sich so seltsam dreht und windet,3) schließlich doch ein erfahrener, tüchtiger Schulmann.^) Weiter verfolgt Kompert die große Frage der religiösen Erziehung nicht. Er läßt uns in seine Zeit schauen und gibt keine Pläne für die Zukunft an. Er schreibt wie ein Historiker. Auch sonst bleibt manche Frage der Zukunft offen. Der treue Darsteller der stillen Szenen im Hause und in der Gemeinde tritt allerdings auch in den Episoden seiner größeren Gefchichten kenntlich hervor. Als solcher ist er klar und sicher. Wo er aber in weiter Ausführung entgegengesetzte Strömungen schildert, wo er die Konflikte der altjüdischen Welt mit der Neuzeit behandelt, da scheint er, so genau sonst die Schilderung ist, nach einem Auswege zu suchen. Der Gegensatz der Gedankenwelt, die viele in der engen Gasse verlebte *) Die Kinder des Randars. K. g. Sch. I. S. 207 f. f. 2) Prinzessele. K. g. Sch. II. S. 298. 3) Die Verlorene. K. g. Sch. II. S. 1-32. 4) Julius Arnsteiners Beschau. K. g. Sch. IV. S. 381.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.