Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1888)
- Date
- 1888-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Ein Lichtblick der Gnade bricht hervor, und verwirrt den freudeerregten Jüngling, der seine Brüder verläßt. Zwei Schwerter drohen dem Verirrten, Staat und Kirche werden ihn treffen, der sich bereuend wieder dem Glauben seiner Väter zuwendet, selbst die Gnade des edlen Fürsten muß ihn von der heimatlichen Scholle weisen.') Eine Vereinigung wird geschlossen, um die Juden dem Handwerke zuzuführen, und ein neuer Geist strömt und flutet freudegebend durch die jüdischen Gassen. Ueber Ruinen einer verschollenen Welt erblickt das Auge die Umrisse eines neuen milden Gesetzes; das helle Wort vom Menschenrechte hat die Geister der Nacht besiegt. Wie jubelt das jüdische Herz auf in froher Hoffnung!^) Man würde Kompert unrichtig beurteilen, wenn man glauben wollte, er verstehe es nur, in hellen Farben zu zeichnen, und kehre in den Gestalten seiner Juden immer nur erfreuende Seiten hervor. Sein Blick findet und würdiget auch das Düstere. Für die Art, wie er in seiner Darstellung Licht und Schatten verteilt, scheint er in der ältesten jüdischen Geschichtschreibung ein vorbildlich Muster erkannt zu haben. In den Nachrichten über das Leben jener Geschlechter waltet die Freude vor, wird die Erzählung, welche sich heiterem, glücklichem Ausgange zuwendet, weit ausgeführt. Bis auf das Klagelied Davids sind alle Dichtungen, welche die historischen Schriften aufnehmen, nur Gesänge des Frohsinns und der Ermunterung. Aber doch fehlt in diesen Büchern nicht gänzlich die Farbe der Trauer. Trübsal >md Kummer umschatten, wie die Trauerweide sich neigend, die blumigen Fluren. Ebenso entgehen Kompert nicht die Mängel und die Fehler seiner Helden. Er hat für sie ein offenes Auge. Er beschreibt sie mit all dem Verkehrten und Eckigen in der Form, mit allen den Störungen in der reinen tugendgetragenen Lebensbewegung. Die Sünder der altjüdischen Welt, welche in den ersten Büchern der Schrift hervortreten, führt die Erkenntnis oder der Zug der Geschichte zurück zu den Bahnen des Rechtes und der Versöhnung. — Das Leben der Juden vor zwei Menschenaltern bewegte sich fast in so stillen, engen Verhältnissen wie in den biblischen Tagen. Darum sind Komperts Gestalten so schlicht und einfach. Unter den Fehlern in dem Hause der Juden seiner Zeit hebt er besonders die mangelhafte Unterweisung der Jugend hervor. Die Mädchen und viele der Frauen üben wohl Ordnungen und Bräuche, kennen aber nicht die Tiefe und die Seligkeit des Glaubens. Der Pächter und Schankherr auf dem Dorfe hält den Unterricht seiner Kinder für etwas ganz Nebensächliches. Von seiner Gattin gedrängt, entschließt der Hausvater sich endlich, zu gewissen Zeiten aus der nahegelegenen Stadt einen Lehrer kommen zu lassen. Der Kopf des Knaben ist inzwischen mit Phantasien und Wundergeschichten erfüllt. Endlich kann er in die Stadt ziehen. Er tritt in die Schule. Belobt kehrt er am Ende des Jahres heim. Moritz war aber nicht mehr derselbe. Der Schankherr hatte nicht jene Augen, welche in die geheimste Werkstätte des Gemütes dringen. Er konnte prüfen, ob Moritz sein Abendgebet nicht vergessen habe, die inneren Veränderungen in der jungen Seele bemerkte er nicht. Erst die Zurücksetzung, welche Moritz selbst seines Glaubens wegen erlitt, erst sein sinnvolles Betrachten der armen Stammesgenoffen bei ihrem kummervollen Broderwerbe machte ihm seinen Glauben *) Die beiden Schwerter. K. g. Sch. V. S. 345. *) Trenderl, K. g. Sch. II. S. 228 a) Zwischen Ruinen. K. g. Sch. VI. S. 358.