Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-12-01 · Heft 12 (1.12.1888) · p. Seite 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 12 (1.12.1888)
Date
1888-12-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969767--2426-2972609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Manche in jenen Zeiten entfaltete Knospe wurde in saftiger Frische in unsere Tage herübergerettet, und ziert den alten Baum jüdischen Fühlens und Strebens. Eine solche ist das Gebet, welches auf der frommen Lippe des Sohnes zittert, wenn er am Sterbetage des Vaters oder der Mutter das Geistesbild der Teuer» betrachtet, die seine Jugend bewachten. Er dankt Gott, dem Vater der Liebe und verherrlichet preisend den Namen des Heiligen. „Kaddisch," erzählt unser Novellist, „ist jenes seltsanie, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert überkommene Gebet. Sein Ursprung ist geheimnisvoll. Engel sollen es vom Himmel gebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die reichsten Fäden kindlichen Empfindens. Denn es ist das Gebet der Waisen. Aus dem Munde der Verlassenen klingend, soll es die Gräber sprengen, und den toten Eltern sagen, daß ihr Kind ihrer gedenke. Es tritt vor Gottes Thron und bittet um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen." Von diesem Kaddisch, wie es auch auf Erden versöhnend waltet, weiß unser Dichter eine Begebenheit zu erzählen, in welcher neben der Liebe auch der ganze Ernst ausgesprochen liegt, den das jüdische Familienleben wahret. Die blühenden Söhne eines frommen Elternpaares sanken im Frühlinge ihres Daseins hin. Eine zarte Tochter hat ihnen das Geschick gerettet Alle Hoffnung und alle Freude, aber auch die überschwängliche Zärtlichkeit des Vaters ruht auf ihrem Haupte. Der Reichtum seiner Geschenke kennt keine Grenze und übersteigt die einfachen Verhältnisse des Hauses. Umsonst mahnt und warnt die Mutter. Die Eitelkeit und die Putzsucht nimnit die Seele der jungen Blümele gefangen. Dem blühenden, herangewachsenen Mädchen hat das Auge des fürsorgenden Vaters einen biedern, edelherzigen teuern Freund zum Gatten ausersehen. Dieses aber hat sich an einen fremden, großsprecherischen, leichtfertigen Mann verschenkt. Still wird die Hochzeit gefeiert. Blümele zieht in die Ferne. Strenge ist der Vater gegen das Kind, das ihn verletzt und tief gebeugt hat. Er entzieht ihr nicht die Gaben des Hauses, aber es trifft sie kein Sonnenblick der Liebe. Er neigt sich nicht der Scheidenden. ■ Bald stirbt die Mutter gramerfüllt. Nach sieben Jahren kehrt die Tochter mit ihrem kleinen Sohne zurück. Der leichtsinnige Gatte hatte inzwischen sein Gut wie im Taumel vergeudet, große Pläne auf Sand gebaut, Kind und Gattin hilflos zurückgelassen und war nach Amerika geflüchtet. Blümele wanderte mit dem Kinde in die ferne Heimat. Noch hat sie den Vater nicht gesprochen . . aber seine Seele scheint hart . . sein Gemüt unversöhnlich. Da findet der Freund von ehemals an einem frühen Morgen das verlassene Weib, das süß stammelnde Kind auf der harten Steinbank vor dem Vaterhause. Er führt die Unglückliche zu den Seinen. Er lehrt das Kind — eben naht der Todestag der Mutter Blümeles — das Kaddisch sprechen. Er führt es in das Gotteshaus. Der alte Jakob Löw spricht das heiligende Wort zum Andenken an die dahingeschiedene Gattin. Er beginnt das Gebet. Aber es tönen dieselben Laute, dieselbe Worte neben ihm, immer heller erklingen sie aus dem Munde des Kindes. Unwillkürlich füllen sich die Augen des alten Mannes mit Thräneu . . Er hält inne und lauscht und läßt bald das Kind allein sprechen. Ein Kind, ein Enkel betet für seine Frau, wird einst für ihn beten. All sein Jammer, der starre Herzenskrampf, der ihn so viele Jahre krank gehalten, löste sich und zerfloß vor diesem reinen Kindeslaute. Was er im tiefsten Winkel seines Herzens stets verbarg,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.