Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 260 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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260 jedenfalls ein höchst seltsames Vorgehen von der Behörde einer Körperschaft, die Wohlthätigkeit und Brüderlichkeit als Devise auf ihre Fahne geschrieben und jedem politischen und theologischen Parteikampf und allen Sonderinteressen ferne stehen soll. Die heilige Orthodoxie ist in Deutschland zu fanatisch und zu bornirt, als daß sie dem Prinzipe der Wohlthätigkeit und der Brüderlichkeit ihre Schrullen zum Opfer bringen könnte. Sie hat sich der Art in die Sackgasse abgelebter Satzungen verrannt, daß sie für die obersten Prinzipien des Judentums vollständig blind geworden ist. — Die „Israelitische Wochenschrift" (Nr. 35) hat an ihrer Spitze einen leitenden Artikel, „Die Schändlichkeit und Gefährlichkeit orthodoxer Umtriebe", in welchem es mit Recht heißt, die jüdische Journalistik habe für unsere Zeit die Nachfolge im Propheteuamte übernommen, eine öffentliche, unerschrockene, abschreckende Geißel für die im Dunkel schleichenden Bösewichter zu sein. Wir haben es", schreibt sie ferner, „nicht mit Hunden zu thun, die zu Treue geneigt sind, nein, wir haben es mit Schlangen zu thun, deren Charakter die Falschheit ist." Angeregt wurde dieser Artikel, der damit schließt, daß die Orthodoxie einen vollbewußteu, moralischen Meuchelmord im Nanien der Religion und des Judentums an einem charaktervollen Rabbiner in Deutschland begangen habe, dadurch daß diese gefährliche Rotte gegen die Wahl eines Rabbiners mit den niederträchtigsten Verleumdungen vor die Behörde trat, um dessen Bestätigung zu verhindern. Der richtige Ton gegen diese Lügner und Heuchler in Deutschland, den jetzt die „Neuzeit" in Wien und die „Wochenschrift" endlich anschlagen, wäre früher am Platze gewesen, anstatt daß besonders letztere diese Brut mit großzüchten half. Hier gilt das Wort: „Ja, da hätte man früher etwas thun müssen." — In der Zeitschrift „Nathanael", redigirt von Herrn Prof. Strack in Berlin, (Jahrgang IV., Nr. 4) befindet sich ein Aufsatz „Das Evangelium unter den Juden in England, von einem judenchristlichen Beobachter", in welchem über die geringen Erfolge der Propaganda des Evangeliums unter den Juden in England Klage geführt wird. Es zeigt sich, daß der Uebertritt der Reichen kaum etwas mit Bekehrung zu thun hat, indem bei denselben gewöhnlich ehrgeiziges Trachten nach höheren Stellen das leitende Motiv ist, wie bei den Armen, die Aussicht von dem materiellen Elend befreit zu werden. Daher komme es auch, daß als Resultat achtzigjähriger Arbeit jeder Jude, dessen Urteil Beachtung verdient, die ganze Missionsthätigkeit tief verachte. Dieser Artikel verdient wegen der offenen ehrlichen Art, in der er gehalten ist, Beachtung und Würdigung. — Der Buchhändler Herr Emil Irilffch in Leipzig ist wegen Verbreitung antisemitischer Flugschriften, zu 60 Mark Geldstrafe, eventuell zu 6 Tagen Haft und Tragung der Kosten, verurteilt worden. Außerdem wurde die Beschlagnahme sämmtlicher Platten und Exemplare der Flugschriften verfügt. — In Arnstadt hielt Herr Dr. Bocket am 19. August, bei Gelegenheit einer Wählerversammlung, eine Hetzrede gegen die Juden. Eine Folge davon war die Demolirung der Fenster in der neuerbauten Synagoge. — Von verschiedenen Seiten ist Herrn Böckel der Vorwurf gemacht worden, daß seine Frau ihr Brautkleid bei einem Juden gekauft habe. Dieser Flecken auf der antisemitischen Ehre des Herrn Böckel mußte abgewaschen werden. Durch folgenden veröffentlichten Brief: „Marburg 20. 6. 1888. Hiermit bescheinige ich, daß Frau I)r. Böckel, geb. Röschen, in meinem Beisein ihr Brautkleid voriges Jahr bei Herrn Spörhase (Christ), Kaufmann dahier, gekauft hat" ist die Ehre des Böckel'schen Paares gerettet- — Die rheinischen Vereine deutscher Studenten hielten am 3. September in Düsseldorf eine Versammlung ab, in der antisemitische Brandreden gehalten wurden. — In