Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 258 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Teilnahme an Gewalt maßregeln plumper Majoritäten." — Man schreibt uns aus Gießen, daß der Ghzl. Rabbiner der Provinz Oberhessen, Herr Dr. Levi, an der am 25. und 26. September stattgehabten neunten Jahresversammlung des deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit, in Earlsruhe als Vertreter der Stadt Gießen teilgenommen hat.—Am 12. September hielt der „Verein für innere Mission" seine jährliche Generalversammlung in Kassel ab, und einen seiner Verhandlungsgegenstände bildete dabei auch die Bekämpfung des Wuchers auf dem Lande. Der Referent, Pfarrer Wottich aus Zrankenhain in Weimar, entrollte ein trauriges Bild von den sozialen Zuständen auf dem Eisenacher Oberllande. Die Ursache fand er hauptsächlich in der Ausbeutung seiner Bewohner durch den Wucher. Redner nannte mehrere Juden aus Geisa und anderen Orten, welche dieses unsaubere Geschäft dort betrieben hätten. Das Hauptmittel zu der wirksamen Bekämpfung des Wuchers fand Redner in der Begründung von Darlehnskassen. An der Debatte beteiligte sich Herr 1)r. Stein, Direktor des israel. Seminars in Kassel. Er sagte: Er als Israelit stimme mit dem Referenten überein in dem, was die Schädlichkeit des Wuchers sowie die Verworfenheit der Wucherer betreffe. Man solle nicht glauben, daß die besseren Juden nicht ebenso wie die besseren Christen die Wucherer verabscheuten. Aber einige Ausführungen des Referenten hätten ihn tief gekränkt. Derselbe habe behauptet, daß die Juden nicht in deutsches Denken und Empfinden eingehen wollten. Er, Redner, und seine Freunde, sowie die Anstalt, welche er leite, seien alle Zeit bestrebt gewesen, sich ganz in den deutschen Geist zu versenken, und zu seiner Freude könne er konstatiren, daß gerade die israelitischen Lehrer bei den christlichen Geistlichen, welche zumeist ihre Lokalschulinspektoren sind, in großer Achtung stehen. Aber auch gegen die jüdische Bevölkerung auf dem Lande solle man nicht ungerecht sein. Wie lange sei es denn her, daß sie sich iiberhaupt der deutschen Bildung zuwenden konnte und durfte? Am meisten habe es ihn endlich geschmerzt, daß der Referent Juden und Wucherer — wenigstens auf dem platten Lande — identifizirt habe. Gäbe es nicht auch in Stadt und Land christliche Wucherer? Redner verwies auf Länder wie Spanien und Portugal, in welchen gar keine Juden leben oder das Königreich Sachsen, in welchem nur die jüdischen Gemeinden Dresden und Leipzig bestehen, oder das Königreich Belgien, in welchem nur eine einzige jüdische Gemeinde, Brüssel, sich befindet. Und die sozialen Schäden seien dort doch nicht geringer als bei uns. Es gebe auch unter den Juden auf dem Lande viele vortreffliche Menschen. Redner könne sich noch aus seiner Jugend des schönen, wahrhaft menschlichen Verhältnisses erinnern, welches in seinem heimathlichen Dorfe zwischen Christen und Israeliten bestand. Der Haß sei nur künstlich angefacht worden. Er bitte die Versammelten, als Männer von Einfluß, als wahrhaft christliche Männer eine solche Gesinnung wieder in unserem Vaterlande verbreiten zu wollen. Danach ergriff Herr Hofprediger Stölüer-Aertin das Wort und sagte: „Ich kann dem Vorredner meine volle Achtung nicht versagen, aber ich wünsche auch, daß überall die anständigen Juden sich von den schlechten Elementen persönlich und positiv lossagten. Man hat mich als Agitator beschuldigt, in Neustettin nannte man mich sogar Alligator. Doch meine Absicht ist nur, unser deutsches Volk von jenen Krebsschäden zu heilen. — Im Mannheimer Freidenkerverein hielt kürzlich Herr 1h-. lliibt aus Heidelberg einen Vortrag über „Judentum und Freidenkertum" Er schilderte die Juden als ein unglückliches, verfolgtes Volk mit großartigen Tugenden. — Im 12. Hefte von „Vom Fels zum Meer" findet sich ein zeitgemäßer Roman „Zsaak Hennegauer" von