Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969766--2414-2972596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
255 die evangelischen, englischen und russischen Geistlichen als — selbstverständlich eingeladen — Teilnehmer aufgeführt. Der Rabbiner fehlte. Diese Ausschließung des Rabbiners wurde von dem bei weitem größten Teile der Bürgerschaft in hohem Grade übel aufgenominen, so daß der katholische Kirchenvorstan es für gut fand, mich einen Tag vor der Einweihung, unter Beilegung des Programmes, nachträglich zur Teilnahme einzuladen. Ich erwiederte hierauf, daß die jüdische Gemeinde sowohl wie ich selber freudigen Anteil nähmen an der bevorstehenden Feier der Einweihung des herrlichen Gotteshauses, durch dessen Besitz der so lange gehegte Wunsch unserer katholischen Mitbürger zur schönsten Erfüllung geworden sei, daß ich mich aber zu meinem Bedauern nicht entschließen könnte, mich persönlich an der Feier zu beteiligen, um so gleichsam als eine lebendige Drnckfehlerberichtigung zu erscheinen. Wie ich später hörte, hatte der in dem s. g. Kulturkämpfe mehrfach genannte an sich sehr humane Bischof Blum dem Vorstande seine Mißbilligung ausgesprochen, daß er mich nicht rechtzeitig gleich den andern Geistlichen zur Feier eingeladen hatte. Nachdem im Jahre 1850 die evangelische Kirche in Wiesbaden gänzlich niedergebrannt war, erschien alsbald ein Aufruf des evangelischen Kirchenvorstandes, in welchem zur Beisteuer für einen Neubau gebeten wurde. Nachdem ich denselben gelesen hatte, schickte ich sofort durch mein Dienstmädchen eine Gabe und begleitete dieselbe mit dem Worte aus Hagai 2, 9 (Es möge die Herrlichkeit des neuen Hauses größer werden, als die des ersten). Als das Mädchen zurückkam, erzählte es mir: „Der Herr Kirchenrath hat ja geweint, als ich ihm Ihr Geschenk mit dem Bibelspruch iibergeben hatte; indem er mir sagte, das sei die erste Gabe, die er erhalten habe." — Diese Spende hat, wie hier beiläufig bemerkt sein mag, allenthalben einen derart überraschenden Eindruck gemacht, daß derselben nicht nur in jedem Einladungsschreiben, das ich zu den verschiedenen durch den Neubau veranlaßten Festlichkeiten erhalten habe, sondern sogar in der Einweihungspredigt — hier natürlich ohne Nennung meines Namens — rühmend gedacht wurde. Wie angenehm mir nun auch diese dankbare Anerkennung erscheinen mußte, so zeigte sie doch auch und das ist die Kehrseite der Medaille, wie geringschätzig man damals im Allgemeinen noch von dem Judentum und seinen Bekennern gedacht haben mich, daß man eine solche Teilnahme für die gottesdienstlichen Zwecke einer christlichen Gemeinde von Seiten eines Rabbiners gar nicht gewärtig war und darum so viel Aufsehens davon machte. Auf die Einladung zur Teilnahme an der am 13. November 1862 stattgefuudenen Einweihungsfeier der neuen Kirche hatte ich natürlich zustimmend geantwortet. Nun kamen zwei Tage vorher zwei Herrn vom Kirchenvorstande zu mir, von welchen der eine ein Geistlicher, der andere ein Laie war. Dieser — beiläufig bemerkt: eine in den wissenschaftlichen Kreisen innerhalb wie außerhalb Deutschlands hochangesehene Autorität — führte das Wort. Auf meine Frage, was mir die Ehre ihres Besuches verschaffe, erwiederte derselbe: wir kommen im Aufträge unseres Kirchenvorstaudes, um Ihnen in Betreff Ihrer Beteiligung an unserer Kircheneinweihung eine Bitte vorzutragen. Sie wollen mir wohl, unterbrach ich ihn, den Wunsch aussprechen, daß ich bei derselben in meinem Ornate erscheinen möge; das versteht sich von selbst. Doch nicht, erwiederte er, wir haben vielmehr den peinlichen Auftrag übernommen, Sie zu bitten, nicht im Ornate zu erscheinen. Ans meine Frage, was den Kirchenvorstand zu diesem Wunsch veranlasse, erhielt ich zur Antwort: Die Majorität