Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Kindern im Leben gut ergeht, hat der Sechus der Mutter ihren Weg behütet. Kommt ein Unfall, tritt der Tugend-Geist der Mutter bittend vor Gott und spricht: O Herr, diese Kinder haben keine Mutter mehr!" Und die Wolken ziehen vorüber .... Unter solchen Worten entschlummert die treue Seele der Dulderin. *) Von der Buße, welche sich das bereuende Gemüt auferlegt, gibt uns eine lebensvolle Erzählung Nachricht. Sie klingt wie Sage und Märchen. Ein Mädchen ist, von Reichtum und Glanz verlockt, gegen ihre Neigung und ihre Liebe in die Ehe getreten. Am Hochzeitstage klagt sie das Herz der Doppellüge an. Der Verzweiflungskampf in ihrer Seele wird beendet, indem sie sich der Mahnung fügt, ihrem Gatten ungetrübte Treue und Hingebung zu wahren, und als Buße gelobt sie, der Sprache beraubt zu erscheinen, dem klangvollen Worte zu entsage« und niemals redend mit Menschen zu verkehren. Unter den wechselnden Verhältnissen des Lebens bleibt sie dem Gelöbnisse treu, in höchster Freude und bei dem tiefsten Leide ist ihre Lippe geschlossen. Schon ist ihr ein hoffnungsreicher Sohn erwachsen. Er hat sich der Gottesgelehrtheit gewidmet. Mit ehrendem Rufe kehrt er aus der Hochschule zurück. Er betritt die Kanzel der heimatlichen Synagoge. Als er die Rede beginnt, lauscht Alles. Auch die Mutter ist in dem Gotteshause. Die Augen Aller sind auf sie gerichtet. Sie aber scheint es nicht zu bemerken. Es überkömmt sie eine Mattigkeit, wie sie eine solche niemals empfunden hatte. Kaum waren die ersten Worte des Redners erklungen, als in den Gesichtszügen Veile's eine große Veränderung bemerkbar wurde. Ihre Wangen färbten sich. Alle ihre Lebensgeister schienen in Aufruhr ... Die Gemeinde staunte das hohe Wesen des Redners an und bewunderte sein bezwingend Wort. Solch einen Prediger hatte man noch nie gehört. Zur Seite seiner Mutter weinten die Frauen, sie selbst vermochte es nicht. Ein stechender Schmerz drang ihr durch die Brust. Er kam bis zu den Lippen. Gewalten wurden in ihr rege, die nach einem Ausgang suchten. In dem Augenblicke, da ihr Sohn den Vortrag beendet hatte, erhob sich die Mutter plötzlich, brach das Schweigen eines Meuschenalters „Gott," rief sie, „soll ich denn noch nicht reden?" . . . Totenstille folgte dem Aufschrei. Man hatte die ehemalige Stimme „der Schweizerin" erkannt. Als die Frauen, die an der Seite Veile's saßen, sich umwendeten, fanden sie die Schweizerin ohnmächtig. Sie war tot. Die Entsiegelung ihrer Lippen war ihr letzter Augenblick.^) August Hrefort. Ungarn hat seinen Kultus- und Unterrichtsminister August Trefort verloren und auch die ungarische Judenheit hat den Tod dieses Mannes sehr zu beklagen, obgleich an seine Stelle bereits ein anderer Mann, Graf Csaky, getreten ist, dessen Bildung, Charakter und Ansehen ebenfalls zu den besten Erwartungen berechtigen. Es liegt in den universellen Grundsätzen, die in dem jüdischen Schrifttume sich ausprägen, daß das- Judentum den ausgezeichneten Männern aller Religionen, die auf den Fittigen des Geistes sich denkend, erkennend und forschend *) Das Auge der Mutter. K. g. Sch. V. S. 173. 8) Die Schweigerin. K. g. Sch. IV. S. 64.