Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Das ist die alte jüdische Geschichtschreibung. Die läßt das Gemüt ihrer Helden kennen, die spricht von dem Seelenleben edler Frauen, zeigt uns eine betende Hanna, eine heldenhafte Debora, eine liebende und wieder duldende Michal. Diese Darstellungen, wie sie sich auf das Leben des Volkes beziehe», wie sie das Verlangen und die Sehnsucht des Herzens zum Ausdrucke bringen, sind von wundervoller Kraft. Sie rühren und bewegen, sie erfreuen und erfrischen immer die Herzen der Geschlechter. Wie weit stehen ihnen schon die Erzählungen aus dem Leben der spätern Könige Judas und Israels nach, die uns zum großen Teile nur von Thaten und Siegen, Fehlern und Niederlagen, Sünden ' »nd Strafen zu berichten wissen. Die jüdische Geschichtschreibung muß auf ihre ersten Zeiten zurückgehen, wenn sie einen Einblick in die bewegenden Mächte der Volksseele, in den inneren Glauben des Gemütes, in das Hoffen des Geistes gewähren will. Es ist den Historikern des Mittelalters nicht gelungen, deu biblischen Geist uachzuahmen. Selbst Joseph Hakoheu aus Avignon, der die Geschichte der mittelalterlichen Leiden beschreibt, weiß nur den Stil der Richter und Samuels uachzuahmen, die edle Farbenmischung blieb ihm fremd, mit der allein man Charakterbilder der Menschen und Völker auszuführen vermag. Den jüdischen Novellisten blieb es Vorbehalten, die alten Töne wieder zu treffen und schwingen zu lassen. Und von Kompert muß man es sagen, daß er auch in der Sage und in dem Märchen die Gefühle und die Gedanken, das Sehnen und das Verlangen, das Beben und das Erzittern ahnt und versteht, welches das Leben der Juden im verflossenen Jahrhundert so eigenartig gestaltete. Da ist, so erzählt er, ein gemütsreiches Weib aus dem schlichten Dorfe, die das Unglück traf, in ihrem städtischen Gatten einen Spieler zu finden. Es wurde nicht das leiseste Wörtchen der Klage ans dem Munde der zarten Frau vernommen. Im Grunde ihres Herzens gehörte sie zu jenen stolzen und edlen Naturen, welchen nter allen Lebensbedingungen, in der Gasse und auf dem einsamen Hofe wie auf den Höhen der bevorzugten Menschheit, zur Entwicklung gelangen. Es lebte eine kaum erklärliche Scheu in ihr. ihrem Manne die Leidenschaft zum Vorwürfe zu machen, der er von Tag zu Tag mehr verfiel. Endlich wurde er verhaftet. Bei dieser Nachricht brach Frau Gedule zusammen. Ohne daß das Todesleiden, welches au ihr nagte, merkbare Spuren aufwies, waren ihre Tage gezählt. An einem Freitagabend, kurz nachdem das Friedenslicht angezündet wurde, berief Gedule ihre Kinder zu sich. Ein seltsam leuchtendes Lächeln war auf ihren Lippen, ein eigentümliches Glänzen strahlte aus ihren Augen, ein befremdendes Atmen fiel auf, sie erschien ihren Kindern so verwandelt. Sie erzählte ein Märchen von der ewig schützenden Tugend einer Mutter, von dem Glauben, daß der Führer der Welten den Edelsinn und das Andenken der dahingeschiedenen Mutter zum schirmenden Engel über dem Haupte der Verwaisten bestelle. „Wollt ihr wissen," sagt die Sterbende zu den lauschenden Kleinen, „wie die schützende Tugendgestalt der Vorfahren, tvie ein „Sechus" aussieht? Der hat die Gestalt eines Engels und steht dem Gottesthrone nahe. Den Vorzug vor Allen aber hat das segensvolle Andenken, der Sechus einer Mutter. Wenn die Mutter stirbt, erhebt sich das Andenken ihrer Tugend auf Engelsflügeln und steigt zum Himmel. Dort stellt sich der Sechus zu den Seraphim und Gottesdienern. Wer bist du? fragt der Herr deu Neuangekommenen. Ich bin das Andenken der Mutter, um mich trauern und weinen Waisenkinder. Achte du fortan auf ihr Leben, spricht der Herr des Erbarmens. So oft es den „ . ...