Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 nicht genug, man stolziert auch damit. Da kann man ja auch zeigen, wie aufgeklärt man sei, wie frei man sich über alles hinwegsetzen könne, was stets als heilig und ehrwürdig gegolten hat. O, ihr Propheten, die ihr uns den wahren Gottesglauben, die ihr mit unauslöschlicher Begeisterung die Lehren der Wahrheit und Tugend verkündet habt; ihr Psalmisten, die ihr mit solcher Seeleninnigkeit gebetet, die ihr deni Ewigen euer Herz dargebracht und im Bekenntnis der Demut ihn verherrlicht habt; ihr Weisen der Vergangenheit, die ihr »ns den Weg des ewigen Lebens gezeigt, uns den Quell der zu Gott emporführenden Geisteserleuchtung aufgeschlossen habt; ihr Denker aller Zeiten, die ihr euch in die Betrachtung des Ursprungs aller Dinge vertieft, die ihr euere großen Weisheitsgebäude aufgerichtet und uns gelehrt habt, aus dem Endlichen das Ewige zu erschauen; ihr rammen, edlen Dulder, die ihr für eure» Glauben gelebt und gelitten habt, in fden Tod gegangen seid, um den Namen des Einen Gottes sterbend zu heiligen, ihr ward samt und sonders Thoren! Unser schmucker Jüngling von heute, der seine Schulweisheit gut inne hat, unter den Menschen zu leben versteht, auch in der Welt viel herumgereist ist und vielleicht sogar einmal einen leidlichen Reim zusammenzusetzen weiß, der kann euch eines Besseren belehren, der weiß es, es gibt keinen Gott, es gibt keine Offenbarung, cs giebt keine Unsterblichkeit; das liegt doch alles so auf der Hand, daß man es nicht erst zu beweisen braucht, und diese beschränkten Einfaltsmenschen haben das nicht eingesehen und haben den Wahn so durch die Reihe der Jahrtausende fortgetragen, bis er endlich im Lichte der neuen Zeit in leeres Nichts zerflossen ist. Das ist mir ein Geistesheld! der hat die Brosamen, die vom Tische der Weisheit abgefallen sind oder vielmehr von da hinweggeworfen wurden, nicht umsonst aufgelesen, der versteht's, uns die Wahrheit zu sagen, und wenn man den einmal anhört, muß man sich's schon wahrlich gestehen, mit dem alten Glauben ist es für immer vorbei. Fragen wir aber, ob diejenigen, die so sprechen — und wir rechnen zu ihnen auch diejenigen, die, wenn sie so nicht sprechen, doch wenigstens so denken und die Nichtigkeit der Religion für eine ausgemachte Sache halten — wirklich auch das Recht zu einem solchen Urteile haben, ob Jeder so ohne Weiteres über Fragen, die die Lösung des großen Welträtsels bedeuten, sich eine fertige Meinung erlauben darf? Ist es nicht zumeist nur eitel Großsprecherei, die auch da den Ton angiebt? hohler Eigendünkel, der auf dem Wege der Selbstüberhebung zur Gottlosigkeit führt? Man gefällt sich in solch' hochtrabenden Redensarten, in solch' wegwerfenden Urteilen, deren Tragweite man gar nicht ermißt, weil man dadurch seinem Selbstbewußtsein schmeichelt, sich damit in die Meinung, daß man ein hoher Geist, ein freier Denker sei, hineinlügt. Man hat zwar diese Weisheit nicht aus sich geschöpft, einer spricht sie dem andern nach, der sie selbst wieder nur dem „Zeitgeiste" abgelernt hat, aber das gehört ja eben zum guten Tone, dem Zeitgeiste zu huldigen und wenn dabei weiter nichts ist, als daß man sich zur Fahne der Gottlosigkeit stellt, kann man das schon, zumal man dafür ja auch zu den Hochgebildeten gezählt wird, ganz getrost mitmachen. Ernst war es dieser Art Menschen nicht mit ihrem Glauben, ernst ist es ihnen auch nicht einmal mit ihrem Unglauben; sie denken dabei weiter an nichts, als sich dadurch den Anschein einer sie in den Augen anderer hochstellenden Geistesfreiheit zu geben, die sie in Wirklichkeit gar nicht besitzen. Wahrhaft frei und groß macht uns nur die Religion, die uns erst die hohe Stellung und Bedeutung des Menschen erkennen läßt, indem sie das Geistige über das Irdische erhebt und uns die Schätze der Gotteserkenntnis erschließt. Sie ruft uns auch heute zu: Redet nicht so stolz, thut nicht so groß,