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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-11-01 · Heft 11 (1.11.1888) · p. Seite 243

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 11 (1.11.1888)
Date
1888-11-01
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 räumen, das ist schon gar nicht mehr faßbar. Und dennoch! wie beurteilen wir den Menschen? etwa nach dem was er ist? nein! nur nach dem was er zu sein scheint, was er von sich spricht und von sich hält, was er aus sich macht und über jtct) vorgibt; ja es gefällt uns sogar ganz besonders, wenn er sich, obschon die Eigenschaften, mit deren Besitze er prahlt, gar nicht oder nur in geringem Maße bei ihm vorhanden sind, doch in unseren Augen damit ein gewisses Ansehen zu geben weiß und wir fragen weiter nicht, ob das Einbildung, Verstellung, Schein oder Wirklichkeit sei. Man muß heutzutage nur recht laut die Posaunen der Ruhmredigkeit und des Selbstlobes erschallen lassen, die werden viel eher gehört als die, die uns verkünde», daß ein Gott der Wahrheit uns richtet, der Alles weiß und nicht Worte, sondern Thaten von uns fordert. Was soll aber dann aus der Bescheidenheit, aus der Redlichkeit werden, aus der schlichten, einfachen Geradheit der Gesinnung und Denkweise? Sollen diese Tugenden, die doch auch ihren Wert haben, ganz aus unserer Mitte verbannt werden, soll man unter den Menschen wirklich nur dadurch, daß man sie täuscht und sich' überall prahlt und vordrängt, Gunst, Ehre und Vertrauen finden können? soll die Lüge, die Anmaßung, die Schwindelei allein das Feld beherrschen und, wer das nicht mag, auch dafür nicht beachtet werden, wer damit nicht umgehen kann und das nicht versteht, dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Wir sehen, wohin das führen muß, wenn die prahlende, prunkende Großsprecherei, mit der man unerwartete Erfolge erzielen kann, überhandnimmt, und daß, wenn man nur auf diesem Wege sich soll geltend machen können, die Menschen geradezu gezwungen werden, in Unredlichkeit und Unbescheidenheit ihr Heil zu suchen. Wie zutreffend, wie beherzigenswert ist daher die Mahnung: Redet doch nicht in so großsprecherischem Tone, überhebt euch nicht mit prahlerischen Worten! Ja, wenn wir sogar wirklich ein Recht hätten, in vollem Maße dazu Ursache hätten, uns unserer Thaten und Erfolge zu rühmen, uns vor den Menschen auf unsere Vorzüge und Verdienste zu berufen, dennoch sollen wir das nicht immer in ruhmrediger Weise hervorkehren, denn was die Verdienste und Tugenden anbelangt, ist doch immer etwas Einbildung dabei, so daß, wenn wir das, was sie hinzugiebt, abziehen, nicht zu viel, und wenn wir unsere Fehler, die wir doch am besten kennen sollten, dagegen ausrechnen, vielleicht gar nichts übrig bleibt, und mit Macht, Ansehen, Besitz und Lebensstellung zu prunken, ist doch gewiß thöricht, denn da ist noch immer eine Zukunft vorhanden, in der das Alles in Frage gestellt ist, eine Zukunft, die Gott allein nur kennt, der Lenker aller Geschicke, von dem wir heute gehört haben: Der Herr gibt das Leben, aber auch den Tod, er kann auch denen, die er einst zu den Höhen des Glückes erhoben, wieder den Untergang bereiten, der Herr macht arm und reich, er macht niedrig und hoch. Bewirkt wird aber durch das eitle Prunken und Großthun, wenn das so allgemein wird, weiter nichts, als daß dann Alle das so nachthun wollen und nachthun müssen, daß die Sucht, sich nur recht vorzudrängen, das ganze menschliche Streben ausfüllt, daß Jeder, der nicht alles erreicht, alles mitmacht, was dazu gehört, zurückzustehen glaubt und schließlich sogar auch danach allein nur behandelt und beurteilt wird. Man muß scheinen, glänzen, sich um jeden Preis bemerkbar machen, sich ein Ansehen zu geben wissen nnd wahrer Menschenadel hat keinen Wert. Nirgends hat aber die anmaßende Großsprecherei in unserer Zeit so viel Verheerungen angerichtet, als auf dem Gebiete der Religion. Da führt Jeder das Wort, da hat Jeder ein Urteil. Natürlich ist nian ja, da man zu den Gebildeten gehört, eigentlich über Religion längst hinaus, aber das ist noch 21*

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