Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969766--2401-2972583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
242 uns von ihr verlassen, wenn wir einmal über unsere Zukunft Nachdenken und für die kommenden Zeiten Vorsorge zu treffen suchen. Da fehlt uns in der That jede Gewißheit und wir haben nur Vermutungen, die sich auf schwache Voraussetzungen gründen, Hoffnungen, die den Wünschen unseres Herzens schmeicheln, Pläne, die erst der Ausführung bedürfen, aber nicht die Weisheit, die uns da vor Täuschungen zu bewahren vermag, ans daß wir mit Sicherheit zu unserem Ziele gelangen. So stehen wir heute da am Anbeginn des neuen Jahres, stehen mit bangendem Herzen da, denn verhüllt ist die Zukunft, deren Pforten sich uns öffnen, und nur Gott allein weiß es, ivas im Laufe der kommenden Zeiten uns bevorsteht. Wo ist da, fragen wir wiederum, unsere Einsicht? wo unsere vielgerühmte menschliche Weisheit? Doch Eines könnten wir bei solcher Betrachtung lernen, daß es nämlich bei solcher Beschränktheit unseres geistigen Gesichtskreises sich für uns wohlgeziemt, nicht so stolz und zuversichtlich zu thun, nicht mit eitlem Selbstruhm und Selbstvertrauen uns zu täuschen und es mehr durch die That als durch das Wort zu bekunden, daß wir der Ehre und der Gnade vor unserem Gotte würdig seien. Und das ist es, wozu wir auch in dem heute vernommenen Prophetenworte aufgefordert werden, das da lautet: „Lasset die stolzen Reden, lasset die hochtrabenden Worte, bannet die Sprache des Uebermuts, denn das wahre Wissen ist nur bei dem ewigen Gotte und vor Gott gilt nur die That." Redet nicht so hochmütig, enthaltet euch der Großsprecherei! Niemals, war vielleicht diese Mahnung, die >vir alljährlich an unserem Neujahrs feste vernehmen, so am Platze, so erforderlich, so dringend notwendig, als gerade in unserer jetzigen Zeit. Es hat ein Ton der Selbstüberhebung, des herausfordernden Prahlens und Rühmens mit angeblichen Erfolgen und Vorzügen, ein Ton stolzer Zuversichtlichkeit und dünkelhafter Anmaßung sich bei uns eingelebt, daß man meinen muß, die Menschen kennen sich nicht mehr oder wollen sich nicht mehr kennen. Man spricht vor Allem zumeist von sich selbst und wenn von diesem lieben Ich auch gar wenig zu erzählen ist, Worte stehen uns immer zur Verfügung und da man eben nicht allzuschüchtern ist, so weiß man ihnen auch den gewünschten Inhalt zu geben. Da bekommen wir gar viel zu hören von den Erfolgen, die unser Erzähler errungen hat, von den Ehren, die ihm zu Teil geworden, von der Gunst, die er bei den Menschen gefunden, von dem seltenen Glücke, dessen er sich zu erfreuen gehabt, von den Kunststücken, die er fertig gebracht, von den Großthaten, die er vollführt, von den kostbaren Erfahrungen, die er gesammelt und von den merkwürdigen Erlebnissen, deren Held er gewesen ist. Das wird uns alles in einem Atem mit einer Geläufigkeit und Zungenfertigkeit vorgetragen, daß wir harmlose Zuhörer ganz verblüfft dastehen, und, wenn wir auch nicht geneigt wären, Alles zu glauben, uns zuletzt doch sagen müssen, daß man so nicht sprechen kann, wenn nicht wenigstens ein Teil von dem Vorgebrachten auf Wahrheit beruht. Aber wenn wir auch schon, durch Klugheit und Erfahrung gewitzigt, das alles nicht für baare Münze nehmen, was uns da mit geschwätziger Ruhmredigkeit zugebracht wird, so macht doch diese Art des Auftretens einen gewissen Eindruck ans uns, dem wir uns nicht entziehen, ja dem wir sogar mit besonderer Herzenslust uns hingeben. Wenn uns Jemand auf diese Weise mit prahlerischen Worten täuschen und irreführen will, ist das ja ganz begreiflich, er will sich eben in unseren Augen großmachen oder wenigstens so viel erreichen, daß man von ihm spricht, was auch schon den Ehrgeiz einigermaßen befriedigt; aber daß die anderen, die doch diese Absicht durchschauen sollten, sich dabei beruhigen, sich so gutwillig täuschen lassen und der Lüge noch Beifall spenden und Berechtigung ein-