Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-10-01 · Heft 10 (1.10.1888) · p. Seite 225

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 10 (1.10.1888)
Date
1888-10-01
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969765--2383-2972564
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

225 wenn sie dazu in ästhetischer Beziehung angenehm berührt, aufmerksam zu machen, Wir teilen aus dem zweiten Gedichte: „Das Vermächtnis" hier ein Bruchstück mit: Und wie an dürrem Stamm ein frischer Sproß, In Saftesfülle, üppig voll und groß: So vor dem Patriarchen, vor dem greisen, Steht Josua, der jugendliche Held, Das Auge kühn, die Glieder kraftgeschwellt, Der junge Krieger vor dem alten Weisen. Doch scheint die Stirn, umkraust von braunem Haar, Das dunkle Auge, sonst so licht und klar, Bon lastenden Gedanken jetzt zu zeugen. Still blickt er auf des Meisters Angesicht, Voll Ehrsucht harrend, ob er endlich nicht Zu unterbrechen wünscht das lange Schweigen." „Noch einmal," spricht er dann, „laß dich erbitten, Bon deinem Volke, Herr, und mir erstehn, Und zieh mit uns hinaus, wo Israels Hütten Nun bald auf Kanaans heiligem Grunde stehn. Was soll der Führerstab in meinen Händen; Kann ich allein das große Werk vollenden, Wenn deinem Knecht dein Rat, dein Beistand fehlt? Gieb mir das Schwert und bleibe du der Führer, Israels weiser Richter und Regierer, Du, den Jehovah seinem Volk erwählt!" „Sieh' hier dein Werk! Aus feigenSklavenhorden, In Dienstbarkeit versumpft und geistesleer, Ist ein erleuchtet freies Volk geworden, Wie Sterne zahlreich und wie Sand am Meer. Warum verläßt dem Ziele nah der Hirte, Der vierzig Jahre seine Heerde führte, Dem Lohn entsagend seine treue Schaar? Warum den schwer errungenen verschmähen, Jetzt da wir an des Landes Grenzen stehen, Das unsrer Väter Traum und Sehnen war?" „Wo dort des Jordans Silberfluten wallen, Am Rebenhügel und durch grüne Aun, Dort wirst du wohnen in Palastes Hallen, Wird Israel dereinst dein Grabmal baun. Bon Zedern, die der Libanon getragen, Hoch aufgerichtet, wird's den Enkeln sagen: Hier ruht der Fürst, der Weise, der Prophet! Und Tausende, gelockt von deinem Ruhme, Wallfahrten einst zu diesem Heiligtume, Zu bringen dir ihr Opfer, ihr Gebet!" „Doch tiefer senkt der Greis die ernsten Brauen! Genug, genug! Fast sündhaft ist dein Wort. Allein Jehovah sollt ihr Tempel bauen In der Verheißung heil'gem Lande dort; Ihm auf geweihtem Altar Opfer bringen, Ihm Weihrauch streu'n und heil'ge Psalmen singen, Bor seiner Bundeslade Heiligtum. Galt denn des Lebens Kampf, der lauge, schwere, Des Geistes Ringen meiner eignen Ehre? Nicht Israels Freiheit und Jehovahs Ruhm?" „Eng in des Leibes und des Geistes Banden, In nächt'ger Finsternis und Dienstbarkeit, War Abrahams Samen in Egyptens Landen, Ein Sklavenvolk dem Untergang geweiht. Wohl leichter war's, zu brechen seine Ketten, Aus des Tyrannen Hand es zu erretten, Als aus des blöden Geistes tiefer Nacht. Den halb erloschenen auf's Neu zu wecken, Vermocbte nur mit allen ihren Schrecken Der Wüste tief geheimnisvolle Macht!" „Die Wüste ist der Offenbarung Wiege; Vergebens sucht der Blick nach einem Halt, An den das gottbedürft'ge Herz sich schmiege, Den es umfaßt mit schützender Gewalt. Die Sonne? — nein! sie sendet Feuersgluten; Der Wind? — er bringt Verderben mit den Fluten Des Sandes, der vor deinem Fuß entweicht. Ein Luftbild täuscht den Dürstenden die Quelle, — Wer ist der Herr? Wo ist des Höchsten Schwelle? Du fragst die Wüste, — und die Wüste schweigt!" „Da taucht der Blick des Geistes in die Tiefe Der eignen Seele durstig forschend ein, Ob nicht verborgen dort ein Wesen schliefe, Das Licht, der Schutz, der Führer ihm zu sein. Und heller wird's gemach; die nächtigen Schalten, Die ihm verhüllt das Bild der Gottheit hatten, Sie sinken mählig und der Morgen tagt; In deiner Seele unerforschten Gründen, Den tief verschleierten nur kannst du finden, Was dir der Wüste leerer Schooß versagt!" „Mein Volk ist reis; die Fesseln sind gefallen, Und wie der Sonne Strahl durch's Dunkel bricht, So ging auch ihm in seinem Wüstenwallen Der Stern Jehovahs auf, der Seele Licht, Auf daß es leuchte durch der Erde Weiten, Durch alle Länder und durch alle Zeiten, Hier nun, wo sich der Wüste Pfad verliert, Hier ist mein Ziel, mein Tagewerk zu Ende, Nicht für das Szepter passen mehr die Hände, Die hundert Jahr den Hirtenstab geführt." „An meiner Statt hat dich der Herr berufen, Sein Volk zu führen in's verheißne Land; Geweiht bist du an seines Altars Stufen, So nimm denn hier das Schwert aus meiner Hand. Als Held und Führer gürte deine Lenden Und zieh hinaus; du wirst das Werk vollenden, Das Israel zum großen Volke macht. Doch weich um aller Lande Gold und Schätze Nicht von Jehovahs Weg und vom Gesetze; Es sei der Stern euch in der Heiden Nacht!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.