Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1888)
- Date
- 1888-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Verkehre, wie er es zum Teile in den Tagen seiner Jugend gesehen und aus dem Munde der Greise beschreiben gehört, wie es anderen Teiles in den Jahren des reifenden Mannesalters sein Auge gefesselt hatte, in kleinen, trefflichen Ausführungen nachzuzeichnen und zu bewahren. Mit ihni gleichzeitig oder seinen Bahnen folgend, pflegten andere Söhne Israels diesen neuen Zweig der beschreibenden Darstellung. Leopold Kompert bereicherte nicht nur die vaterländische Litteratur, indem er die Knlturverhältnisse eines Teiles der Bewohner der deutschen Provinzen Oesterreichs beschrieb, seine Schriften bilden auch eine Art jüdischer Geschichte des letzten Jahrhunderts. Seine Darstellung ist vielleicht weniger geistreich, seine Gemälde sind klein und entbehren der Schattirung durch fesselnde Beschreibung des Naturlebens und des Witzes launiger Gestalten, allein wie er das Sehnen und Beben in dem Gemüte einer jüdischen Frau, den festen, sicheren Gedanken eines jüdischen Mannes darstellt, wie er sein Ohr und sein Herz neigt, um die Gefühle und die Regungen zu hören und zu erkennen, die ein weites geschichtliches Lebe», ein langes Dulden und Kämpfen, Erwarten und Fürchten, ein Leben reich an Freude und an Trauer, an warmer Teilnahme und an kaltem Abwenden in der jüdischen Brust und in dem jüdischen Hause weckte, hervorrief und wogen ließ, wie er das, >vas sein Ohr hört und was sein Herz erkennt, so einfach, so klar, so schmucklos seinen Lesern ttbergiebt, ist er ganz und durchaus Geschichtschreiber. Er u>ld mit ihm seine Genossen und Nachfolger füllen — wenigstens für die letzten zwei Menschenalter — gerade die Lücke aus, welche in der jüdischen Geschichtschreibung zu finden war. Leopold Kompert spricht nicht von der Entwickelung der Gesetze und von einer historischen Reihe, er steht der mühevollen Erforschung des reichen Schrifttumes der Juden ziemlich fern, aber er hat tief in das innere Leben dieses Stammes geschaut. Er verfolgte und las die Spuren desselben in den Falten des jüdischen Gemütes und des jüdischen Geistes. Er beschreibt selbst einmal so das jüdische Herz. „Dieses Wort hat etwas Unsagbares, und es fällt schwer, es auch nur in schwachen Umrissen zum Verständnisse zu bringen. Was Manchem nur ein wesenloser Schein dünken mag, das gewinnt in Wirklichkeit eine Wahrheit und eine Lebensfähigkeit, von der die Gasse am Besten zu erzählen weiß. Dieses jüdische Herz ist eine geschichtliche Ueberliefernng. Wer einen Anspruch an dasselbe erhebt, will damit sagen: Vergiß nicht, sei eingedenk dessen, was deine, was meine Väter mit einander erlebt und g-litte» haben, wie sie sich freuten, und wie sie wieder weinten. Es ist der Ausdruck der stärksten Zusammengehörigkeit, der geheimnisvolle Zug mitfühlender Teilnahme für das Geschick seines Bruders." x) Das jüdische Herz ist nur eine der Perlen, welche in der Tiefe der Lebensanschauung der Söhne Israels ruhen, und welche das fluthende Geschick dieses Stammes umspielt. Das altjüdische Leben birgt viele Kostbarkeiten, Edelsteine des Gefühles, das reinste Gold der Gesinnung, auch den harten Stahl des ernstens Willens. Diese Geschmeide aber sind in eine so eigene Fügung gegeben, so altertümlich scheint die Fassung, daß auch diese Umrahmung das Auge fesselt, daß auch diese eigenartigen Formen, dieser seltene Schliff, diese sonderbaren Redeweisen gewinnen. Mit welchem Wohlgefallen erfüllt uns die Gestalt des Dorfgehers, der von seinem erdrückenden Tagewerke heimkehrt. „Wie sein Finger an der Pforte des Hauses segnend die Zeichen des Glaubens berührt, da wird ihm die Last leichter und seine gebeugte Gestalt scheint sich zu ') Die Seelensängerin, Kompert ges. Schriften, V. S. 62. 19*