Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1888)
- Date
- 1888-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Jahrhunderte, der Wechsel der Wohnstätten in Folge der Bedrängung einer düsteren Zeit ließen die Berichterstatter und Erzähler späterer Tage, wenn sie nicht etwa auf eine Steinschrift an einem Grabe oder auf das Zeichen im Siegelringe hinwiesen, selten andere Quellen als gelehrte Abhandlungen oder knappe Geschlechtsverzeichnisse nennen. Die Chronikschreiber des Mittelalters zumal hielten Alles, was frühere Berichte mitteilten, aufrecht, und hätten bei der Unzulänglichkeit der Mittel und der Methode auch nicht vermocht, das Ueberlieferte einer ernsten Prüfung zu unterziehen. Unserer Zeit war es Vorbehalten, die ernste, tiefe, Geschichtsforschung anfzunehmen. Das ist die That der Wissenschaft des Jndentnmes unserer Tage. Unsere Männer und Gesellschaften streben es an, die Quellen abermals zu untersuchen, die Ausgangspunkte zu finden, die Wurzel des Bestehenden in Denkmälern der Vorzeit zu ergründen. Nicht nur Gesetz und Brauch erhält hiedurch eine neue Beleuchtung, nicht nur die Gerechtsame der Juden als Bürger des Staates finden hiedurch unwiderlegliche Begründung, auch die allgemeine Kunde der Zeiten gewinnt eine nennenswerte Bereicherung. Ist es den jüdischen Denkern im feurigen Erglühen für die Wissenschaft gelungen, sich zur Quellenforschung znrückznwenden. so blieben jedoch die Versuche, den häuslichen Kreis der Altvordern zu beschreiben, das Leben der alten Gemeinden darzustellen, ein genaues Bild des Umganges jener Männer zu entwerfen, sie in ihren vielfachen Beziehungen zu ihren Mitbürgern anderen Glaubens zn belauschen, nur vereinzelt und waren selten von Erfolg gekrönt. Wir mußten lange die Helle Zeichnung verniissen, tvelche das ganze bewegliche Leben des Geistes in den Tagen der Vorzeit, das Schaffen und Streben, die Hoffnungen und die Wünsche, die Sehnsucht der Jugend und die Entsagung des Alters in den vorübergezogenen Jahrhunderten klar erkennen und nachempfinden ließe. Die Gelehrten trugen eben die spärlichen Nachrichten über die Lebens- und Gemütsgeschichte jener Geschlechter aus vereinzelten Bemerkungen alter Lehrer zusammen, welche Compendien über religiöse Bräuche schrieben oder eine gesetzliche Frage beantworteten. Diese Notizen aber geben kein sprechendes Bild des Lebens, gewähren keinen iveiten Ausblick in den offenen Markt, noch weniger lassen sie, wenn sie über die Leiden und Bedrückungen klagen, die in so überreichem Maße die Juden treffen, mehr als die tiefe Wunde des Gemüthes, die Wallungen des verletzten Seelenfriedens erkennen und verstehen. Wollte nian, von solchen kurzen Vermerkungen geleitet, eine Geschichte des Volks- und Geisteslebens schreiben, da müßte nian erst Erregung und Beruhigung, Schmerz und Wonneempfinden, Leidenschaft und weises Berathen in die Nachrichten hineinlegen und deuten. In Dichtung müßte eine solche Geschichte ausklingen, welche dem historschen Ernste und der Wahrheit ferne bleibt. Leopold Konipert ließ sich vor mehreren Jahren von einem jüdischen Gelehrten die historische» Notizen aus den Schriften und Gutachten der deutschen Nabbinen des Mittelalters zusaminenstelleu, da er die Absicht hatte, eine Zeichnung aus dem jüdischen Leben des 15. Jahrhunderts zu entiverfe». Er gab den Gedanken auf, da ihm diese zerstreuten Farbenpunkte kein sicheres Bild hoffen ließen, da es ihm schien, als könnte über diese geringen Merkmale alten Volkstumes nur durch den Hauch einer allzukühnen Phantasie ein künstlich Leben hingegossen werden, welches man niemals als der Wahrheit nahekommend achten dürfte. Hingegen war gerade dieser Schriftsteller beinüht, das Leben der Juden in den Häusern und in den Gassen, iin inneren Gemüte und in dem freien