Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 210

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 210 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969764--2367-2972547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

210 überlassene Denken den Menschengeist führt, daß aber dieser, einmal von dem Offenbarten erfaßt, sich ihm gefangen gibt, es anerkennt, anzuerkennen nicht umhin kann, sowenig wie er umhin kann, sich der Vorstellung zu unterwerfen, die irgend ein sinnlich wahrgenommener wirklicher Gegenstand in ihm erzeugt. Der Charakter des Wirklichen, d. h. des zwar dem natürlichen Denken Fremden, ja ihm sogar häufig Entgegengesetzten, aber dennoch, weil in sich selber widerspruchslos, Anerkennung Erzwingenden — ist eben das Grundmerkmal, welches die Mitteilungen der Bibel zum unverwischlichen Unterschiede gegen alle anderen Kundgebungen über dieselben übersinnlichen Dinge als Offenbarung kennzeichnet. Ich habe wie ich fürchte, meine Hochgeehrten, wohl schon viel zu lange Ihre gütige Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und dennoch habe ich das Bewußtsein, Ihnen nur einige der hervorstechendsten Züge des Steinheim'schen Gedankenbaues gezeigt, und viel des Interessanten und Wahren aus seinen Erörterungen, wie seine geistvolle Analyse der mannigfaltigen Versuche des Christentums, das Offenbaruugs- und das Heidenelement zu verschmelzen oder zu scheiden, ferner eine Klarstellung seines Verhältnisses zu Aristoteles und Kant unterdrückt zu haben. Aber schon aus dem Wenigen, was ich zu bieten vermochte, werden Sie die Bedeutung des Mannes für unsere religionsphilosophische Litteratur ersehen haben. Diese Bedeutung ist ihm von den Kritikern vielfach bestritten worden. Vollkommen dagegen weiß sie Grätz in seiner Geschichte zu würdigen; er stellt ihn fast mit Jehuda Halevi auf eine Stufe, und er hat nach meiner Meinung, nicht übertrieben. Jedenfalls aber dürfte derjenige irren, der in der Hinfälligkeit des Steinheim'schen Grundgedankens die Ursache seiner Vergessenheit erblickt. Die Gemessenheit dieser Stunde hat es mir verboten, an die Darstellung jenes Grundgedankens eine Eröterung darüber anzufügen, was in demselben als von bleibendem Werte, was als gezwungen und verfehlt sich Herausstellen dürfte. Statt dessen nur die Frage: wie viele Philosophen es denn gegeben, deren System im Lichte einer späteren Kritik sich nicht zuin wesentlichen Teile als unhaltbar erwiesen? Aber ein Kern von Wahrheit bleibt in der Philosophie jedes echten Weltweisen als wertvoller Beitrag zur geistigen Förderung der Menschheit, und dies sichert seine Unsterblichkeit. Dasselbe aber wird auch bei Steinheim der Fall sein. Ich hege die Meinung, daß eine Gestalt wie die Steinheim's nicht für immer kann vergessen sein, und daß er in unserer Zeit vergessen ist, weil er sich einer — vergessenen Wissenschaft, der Religionsphilosophie, angenommen. Man beschäftigt sich ja auch heute mit Religionsphilosophie, aber zumeist nur historisch-kritisch. Die historisch-kritische Forschung drängt zu sehr das rein philosophische Interesse in den Hintergrund. Man studirt die Alten, erklärt und vergleicht sie untereinander; aber man forscht nur selten selbständig weiter, man fühlt nur selten das Bedürfnis, die großen Probleme der Religion selber vorzunehmen und über sie uachzudenken. Man streitet sich über die philologische Erklärung eines Wortes, eines Begriffs, und hat man sie gefunden, glaubt man zu wissen, was der Andere gewußt, so gibt man sich zufrieden. Und doch haben etwa jene Probleme schon ihre völlige Lösung gefunden? Haben etwa jene Kritiker ernstlich versucht, die zweifellos berechtigte Frage nach dem wesentlichen Merkmal der Offenbarung ihrerseits zu beantworten? Nein! Und doch sehen wir das religionsphilosophische Streben in anderen Kreisen nicht erloschen. Aber auch uns ist es nicht für immer erloschen. Mit dem hoffentlich wiedererwachenden religiösen Interesse in der Gesammtheit wird es auch in den einzelnen Berufenen wieder aufglühen; man wird sich wieder lebhaft bekümmern um die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.