Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 209 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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209 alten Widerstreit zu verfallen. Der Sieg des Geistes, dessen Wesen die Freiheit, über die unfreie Materie war noch nicht vollendet. Aber er ward vollendet durch die Offenbarung. Mit der offenbarten Lehre von der Schöpfung ward die Freiheitsidee aus einem bloß im Menschengemüt erzeugten zu einem eminent realen Momente gestempelt, und mit der so durch die Offenbarung als real begründeten und sanktionirten Freiheitsidee entstand zuallererst die vollendete Staatsidee in der jüdischen Theokratie. Diese bildet den faktischen Ausdruck der höchsten Gottes- und Weltanschauung auf Erden und somit den schroffen Gegensatz zu allen alten Staaten mit ihrem Dualismus von Adel und Unadel. Und wenn wir selbst in den neueren schon von der Offenbarungslehre durchdrungenen Staatswesen diese Gegensätzlichkeit nicht ganz geschwunden sehen — es ist ein Rest des Gepräges, das das Heidentum an sich getragen. Mit dem Worte der Offenbarung aber ward prinzipiell die Verwerfung des Heidentums ausgesprochen. Es stürzte wie Blitz und Schlag in den alten Bau der sinnlichnatürlichen Menschheit. Mit ihm zuerst ward verkündet: alle Menschen stammen von einem einzigen. Der altheidnische Unterschied zwischen Menschen und Menschen ward vernichtet. Moseh's Gesetz schafft theoretisch und praktisch das Herrentum und die Sklaverei ab?) „So ward der einstige jüdische Staat das erste Beispiel eines Kulturstaats auf der Basis der Offenbarung, und zugleich das Vorbild für die Zukunft der Menschheit im Reiche Gottes/) wie es die Propheten Israels und besonders dr erhabene Jesajah verkündet, wo er die Kriegswaffen gewandelt sieht zu Sicheln und Rebmessern und die Völker und Stämme nicht mehr einander bedrohen und ngstigen, sondern erfüllt von der Erkenntnis des offenbarten Einen Gottes Zusammenleben in Liebe und Frieden. Auch dieser Gedanke einer fortschreitenden Veredlung des Menschengeschlechtes — die Offenbarungslehre Israels hat ihn zuerst aufgestellt entgegen dem Heidentum, das, lediglich seinem natürlichen Denken folgend, zu dem graden Gegenteil, dem trostlosen Gedanken einer wachsenden Verschlechterung der Menschheit gelangt. Wohl der Glaube an eine individuelle Fortdauer ist dem heidnischen Denken natürlich, aber für die Ueberlebenden hat es nur das Wort: „Nach mir das Verderben!" Wie sollte es bei jener grundsätzlichen Scheidung des Menschen vom Menschen anders sein! Da muß das goldene Zeitalter weit zurückliegen in der Vorzeit, da das junge Menschengeschlecht, noch bedürfnislos, ohne die Leidenschaften, die die Kultur zeitigt, ohne Haß und Habsucht, trotz der Vorstellung von Götter- und Erdgebornen, friedlich neben einander gelebt. Mit der wachsenden Kultur aber — darin sind die heidnischen Dichter einig — ist ein stetig tieferes Sinken der Menschengattnng unzertrennlich verknüpft?) Und dennoch, wie sehr auch diese Denkweise dem natürlichen Gange der sich selbst überlassenen Vernunft entspreche — seitdem ihr durch die Bibel die gerade entgegengesetzte Kunde von dem Fortschritt der Menschheit geworden, kann sie sich nicht mehr von ihr frei machen, kann sie sich ihr nicht mehr dauernd entwinden, vielmehr bleibt es seitdem ihre kostbarste Hoffnung, das Ideal von dem Einen Hirten und der Einen Heerde, das Ideal sittlicher Vollendung und wahrhaftiger Freiheit werde einst erreicht sein. So lehrt uns aber die Geschichte der Religion auch in dieser heiligsten Angelegenheit unserer Gattung, wie die Lehre der Offenbarung uns zwar das schnurstracks gerade Gegenteil von dem mitteilt, wozu das lediglich sich selbst ') Jb. S. 222. l) Jb. 210. 3) Steinheim II. 341 ff. 18