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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 208

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 208 (sequence 16)
Language
German
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208 der That haben alle konsequenten Philosophen, die dem Zuge des reinen Denkens gefolgt sind, die Willensfreiheit geleugnet. Nun wohl, die Philosophie hat die Willensfreiheit geleugnet — aber sie besteht doch, wir fühlen sie jeden Augenblick als Faktum in unserem sittlichen Können, ja wir fühlen es, daß alle Sittlichkeit hin ist, wenn es keine Willensfreiheit gibt. Und so müssen wir das Geständnis machen, unsere Vernunft habe sich in diesem Punkte offenbar auf ein Feld begeben, für das sie keine Geltung mehr besitzt, ihr Gesetz der Kausalität habe eine Schranke an der Thatsache der Willensfreiheit. Es mag diese Thatsache dem Kalkül unseres Denkens zuwider sein, aber dies ist ja gerade das markanteste Merkmal des Existenten, daß es unbekümmert um Operationen des Denkens besteht, wie der Baum besteht, ob wir es gleich nicht begreifen, wie die Elastizität besteht, obgleich sie a priori dem Verstände widersinnig erscheinen muß. In dem Faktum der menschlichen Willensfreiheit hat nun unsere Vernunft ein Analogon für die biblische Lehre von einer Weltschöpfung durch einen freien Akt eines allmächtigen Gottes. Ja, die Bibel hat — lehrt Steinheim — mit Absicht diese Lehre von der Schöpfung an die Spitze ihrer Offenbarungen gestellt, um mit ihr dem Gedanken der Willensfreiheit, ohne welche keine Sittlichkeit denkbar, von vornherein eine unerschütterliche Grundlage zu geben. Im engsten Zusammenhänge mit den eben erörterten biblischen Lehren steht die israelitische Staatsidee, als die Idee eines Staates der Freiheit und der Anerkennung aller seiner Glieder als mit gleichem Recht geborener gegenüber dem altheidnischen und auch teilweise dem modernen Kulturstaat. Gemäß dem Grundzuge des natürlichen Denkens ist der heidnische Staat dualistisch, gegensätzlich. Edle und Unedle, Familien göttlicher und solche irdischer Abkunft, zum Gebieten und zum Gehorchen Geborene. Sowie Geist und Materie von jeher nebeneinander bestanden, so auch das Herrschende im Staate, das dem Geiste, und das Dienende, das der Materie entspricht. Daher das Kastenwesen im ganzen Heidentnm. So teilt auch Plato entsprechend den drei Grundkräften der einzelnen Seele die Staatsseele ein in eine vegetative, animalische und vernünftige. Der ersten entsprechen die Bauern und Handwerker — Bauchmenschen; der letzten die Philosophen — Kopfmenschen; und diese Gegensätze vermittelnd die Krieger, das animalische Element — Brustmenschen. Es ist der alte Bannkreis des natürlichen Denkens: Satz, Gegensatz, Bindesatz. Ueber diesen Standpunkt erhebt sich nun zwar Aristoteles wieder bedeutend. Er geht von dem Gedanken sittlicher Zweckmäßigkeit aus?) Sein Staat entsteht nicht wie die Welt, aus blinder Naturnotwendigkeit, sein Staat wird wie jedes menschliche Werk in freier Absicht geschaffen, eines Zweckes halber, zur Erreichung eines Gutes, das, weil der Staat das umfassendste Menschenwerk ist, auch das umfassendste Gut sein muß; dies aber ist die sittliche Freiheit?) „Der Staat des Aristoteles war deshalb wohl ein einheitlicher, beruhend auf der sittlich freien Gleichheit Aller." Allein Aristoteles' Freiheitsgedanke konnte nicht durchdringen; denn ihn hemmte das Vernunftaxioin: „aus Nichts wird Nichts". Die Idee des Geistes, so erhaben er sie aufgefaßt, war nicht mit der Idee absoluter Freiheit, der Eigenschaft einer Schöpfung aus Nichts, ausgestattet. Es fehlte ihm somit das höchste Sittenprinzip, die reale Freiheit. Durch die unerschüttert gebliebene Vorstellung der Ewigkeit der Materie mußte Alles wieder anfangen, in den ') Steinheim II. Seite 219 ff. 3) Jb.

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