Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 207

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 207 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969754-2969764--2364-2972544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

207 Herz zu legen — so wird doch mit den Jahren der Boden für eine verständige und zeitgemäße Neugestaltung und Neubelebung des Gottesdienstes geebnet und empfänglich gemacht.' Der geneigte Leser sieht, daß ich mir gar nicht einbilde, man könne unseren Gottesdienst über Nacht verbessern; das wird noch Jahrzehnte dauern; aber Hand anlegen können wir schon heute, und zwar wir alle, nicht nur Rabbiner und Lehrer, oder Gemeindevorstände, sondern jeder israelitische Vater. Er hat die Verpflichtung, seinen Kindern Religionsunterricht angedeihen zu lassen; er soll nicht vergessen, daß die Ausbildung derselben von keinem wahrhaft Gebildeten als vollständig angesehen werden kann und wird, so lange dem Religionsunterrichte nicht seine gebührende Stelle darin eingeräumt worden ist. Auch derjenige, der seine Kinder viel Hebräisch lernen lassen kann, vergesse nicht, daß sie auch die Geschichte des Judentums und seiner Bekenner lernen sollen, also auch geschichtlichen Religionsunterricht bekommen müssen — dann wird ein Geschlecht heranwachsen, das seine Väter kennt und liebt, sich an ihren Thaten begeistert, ihren Glauben versteht, kurz, ein Geschlecht mit einem neuen Herzen, dem es um den alten Geist des Judentums zu thun ist und nicht um die erstarrten, aus dem Mittelalter herübergenommenen Formeln und Gebräuche. Und auch die Schwankenden, die nur die Schattenseiten des heutigen Judentums, nicht aber die Erhabenheit des alten Glaubens kennen, sie mögen ihre Kinder darin unterrichten lassen von einem wissenschaftlich gebildeten, gewissenhaften Lehrer, der nicht das Beste aus Feigheit für sich behält, sondern nur der Wahrheit die Ehre giebt. „Seid stark in eurem Thun", möchte ich mit König Josophat den Lehrern zurufen, „und Gott wird mit dem Guten sein." Zur Hebung der Würde des Gottesdienstes hatte die alte Zeit noch mancherlei Hilfsmittel; warum wollen wir sie, nachdem sie Jahrhunderte lang — aus mancherlei Gründen — in Wegfall gekommen sind, nicht wieder aufnehmen? Lassen wir den gemischten Chorgesang wieder in unfern Tempeln ertönen, gleichwie in Jerusalem Sänger und Sängerinnen wirkten; lassen wir endlich die Instrumentalmusik unbeanstandet, da auch sie nichts Neues ist. Hier will ich meine Betrachtungen schließen; ich habe sie mit aufrichtigem Herzen geschrieben und will glücklich sein, wenn ich noch die Zeit erlebe, in der die Würde des Gottesdienstes wieder hergestellt und der Religionsunterricht allgemein geworden ist. Daun werden alle einsehen, daß kein erhabener Gedanke unter den Völkern lebt, der nicht in unserer Bibel zu finden ist. S. L. Sleiicheim ats Pichler und HLeligionsrchitosopß. Vortrag, gehalten im MendelSsohn-Verein zu Frankfurt a. M. am 29. Februar 1888 von I)r. M. Steckelmacher. (Schluß.) Wollte aber unsere Vernunft noch Bedenken tragen, sich der offenbarten Schöpfungslehre zu unterwerfen, so müßte die Erwägung besonders Eines Momentes ihr die Unterwerfung erleichtern, es ist das Faktum der Wilensfreiheit, das wir in uns selbst erfahren. Das Denkgesetz: aus Nichts wird Nichts läßt keinerlei Geschehen zu, das nicht in einem vorangegangenen seine Ursache hätte, also kein freies Beginnen einer Kette von Vorgängen. Und in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.