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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 206

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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206 nicht fesseln. Es muß also, wenn man ehrlich sein will, auch hier Wandel geschaffen werden. Man hat nun bereits den Ausweg betreten, die Vorlesung abzukürzen, indem man die Thora so einteilte, daß man, statt wie bisher in einem, fortan erst in drei Jahren fertig wurde. Das war imnrerhin ein Fortschritt, bei dem man hätte bleiben sollen, da er das unleugbar vorhandene Uebel wenigstens verkleinerte. Es ließe sich aber auch noch ein Weiteres thuu. Unmittelbar nach Beendigung der hebräischen Vorlesung lese der Rabbiner oder in kleineren Gemeinden der Vorbeter oder der Religionslehrer mit klarer und deutlicher Stimme die deutsche Uebersetzung vor, lasse das Entbehrliche, Unwesentliche und Ungeeignete fort und knüpfe daran, wo es nötig ist, eine kurze sachliche oder erbauliche Bemerkung. So machte es Esra, und so wurde es noch Jahrhunderte lang nach der Zerstörung des zweiten Tempels gehalten, bis die immer mehr anwachsenden religiösen Dichtungen den Gottesdienst überwucherten und die bessere alte Gepflogenheit ganz verdrängten. Aber sicherlich würden auch heute wieder alle so aufmerksam zuhören, wie in alten Zeiten, und regelmäßige Besucher des Gottesdienstes würden mit der Zeit mit dem Inhalte der Thora vertraut werden. Hören wir doch endlich auf, so zu thun, als ob Thora-Vorlesung und Gebete etwas von Ewigkeit her Unveränderliches gewesen und in alle Ewigkeit unveränderlich bleiben müsse. Wollen wir denn nicht einsehen, daß der Gottesdienst nicht nur naturgemäß sich ans Bedürfnis anschließen muß, sondern auch wirklich immer aus den Bedürsnifsen der Zeit heraus entwickelt hat? Soll denn alles Leben im Judentum ertötet werden? Kehren wir zurück zum bewährten Alten, so lange es noch nicht zu spät ist! Der geneigte Leser, der bisher, wenn auch vielleicht mit Widerstreben, mir beipflichten mußte, hat wahrscheinlich schon längst die Frage auf den Lippen: Aber wer soll denn über Wert oder Unwert der Gebete und Dichtungen zu Gerichte sitzen und entscheiden? Zunächst die Sachverständigen, d. h. alle diejenigen, die nicht nur des Hebräischen kundig sind, sondern auch die Geschichte des Gottesdienstes und des Judentums, wie es gewesen und wie es geworden, genau kennen. Solcher Sachverständigen giebt es gottlob recht viele, und ich denke, wenn sie einmütig und mit der nötigen Begeisterung für eine so heilige Sache ans Werk gehen, daß alle wahrhaft Religiösen ihnen beistimmen werden. Nur möge man nicht einseitig zu Werke gehen, sondern auch die Männer der mittleren und wenn irgend möglich die der orthodoxen Richtung hinzuziehen. Sofern diese letzteren eine moderne Bildung besitzen, werden sie das Bestreben, wenigstens manche Gebete zu streichen und wenigstens einige deutsche einzuführen, nicht als ganz unberechtigt anerkennen. Auch das Wenigere, das mit ihrer Hilfe gewonnen würde, wäre wertvoll, ja vorerst vielleicht wertvoller, als das Viele, das der Fortschritt allein zn stände brächte. Jedenfalls sollte es mit ihnen versucht werden. Doch wäre es immerhin schon dankenswert, wenn wir die Mittelparteien einigen. Als Mitwirkende denke ich mir aber ferner gebildete und umsichtige Gemeindevorstände, die sich bereit erklären, eine Neugestaltung des Gottesdienstes zu unterstützen. Der Uebergang braucht ja kein plötzlicher zu sein. Führe man ein deutsches Gebet ein und lasse es vom Rabbiner, oder vom Vorbeter, oder gar von der Gemeinde Jahre lang sprechen, bis sie daran gewöhnt sind; dann wird es sich erhalten. Lasse man dies oder jenes hebräische Stück beim öffentlichen Gottesdienst fort, und nach Jahren entbehrt es nieinand mehr. Nebenbei sollen es Rabbiner und Lehrer nicht unterlassen, in Reden immer wieder die Notwendigkeit eines verstandenen und wahren Gebetes zu besprechen und ans

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