Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 205 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Laufe vieler Jahrhunderte entstandenen, von den verschiedensten Anschauungen und Empfindungen wiederspiegelnden Gebete und Dichtungen für uns noch Andacht erweckend oder gar bindend sein? Gewiß nicht. Noch bedenklicher steht es um die Stücke, die nicht einmal Gebete sind, sondern nur Sagen, Legenden, Gleichnisse und anderes (in oft recht ungeschickter Weise dargestellt) bieten. Alle solche Stücke mögen daher für die Litteratnr- und Kulturgeschichte recht lehrreich, je nach der Gemütsanlage des Lesers vielleicht auch genußreich, sogar erbaulich sein — aber ins Gebetbuch gehören sie nicht. Sie, wie auch alle oben erwähnten, unseren Bedürfnissen nicht entsprechenden Bestandteile, müssen wieder schwinden; sie sind Menschenwerk und dürfen von Menschen auf ihren Wert und ihre Brauchbarkeit geprüft werden. Geschieht dies, so wird vieles schwinden müssen, anderes aber wird beibehalten werden können. Dadurch wird der Gottesdienst kürzer werden, was der Andacht nur förderlich sein kann. Denn wir können auch das nicht leugnen, daß unser heutiges Leben in Staat und Familie derart anders geworden ist, daß wir gar nicht mehr so viel Zeit, also auch nicht die Ruhe, mithin auch nicht die Andacht haben, um stundenlang Gebete zu hören und zu sprechen. In jeder Beziehung gilt heute die Losung „kurz und bündig", im Gegensatz zur alten Zeit, die weniger zu thun hatte und darum langsam und gemächlich, breit nnd umständlich überall zu Werke geheil konnte. Das spiegelte sich auch in den Gebeten, wie im ganzen Gottesdienste wieder. Aber heute leben wir mehr nach der Uhr. Also auch von diesem Gesichtspunkte aus ist das Streben nach Kürze ein begründetes. Um die geschwundene Andacht zu heben, giebt es aber noch ein zweites Mittel; es ist gleichfalls eine wohlberechtigte Forderung der neuen Zeit, obgleich auch sie der alten nicht fremd war. Nachdem nämlich die ungeeigneten Gebete und Stücke beseitigt sind, bleiben immer noch eine genügende Anzahl übrig, die inhaltlich unangreifbar sind, aber leider nicht von allen verstanden werden, weil sie hebräisch sind. Von diesen müssen eine Anzahl übersetzt, oder besser noch dem Sinne nach in deutscher Sprache wiedergegeben werden, natürlich in einer Sprache, die auch jedein Gebildeten genügt, würdig und kraftvoll, die Andacht zu wecken und zu erhalten geeignet. Nun weiß ich, daß mancher aus religiösen Bedenken der deutschen Sprache im israelitischen Gottesdienste keinen Raum gönnen möchte. Warum nicht? Haben die babylonischen Juden etwa sich gescheut, chaldäisch zu beten? Und haben wir nicht noch heute Gebete, teils ganz chaldäisch, teils gemischt? Man denke vollends an Uwo lezijon goel, in welchen! hebräischen Gebete für die des Hebräischen Unkundigen unbedenklich die chaldäische Uebersetzung (des Jonathan) eingefügt ist, ohne daß man das Hebräische zu entweihen fürchtete. Oder sollten nur die verwandten Sprachen heilig sein? Dann müßte auch arabisch heilig sein und der arabische Jude mehr Freiheit seinem Gotte gegenüber haben, als der deutsche. Nein, gegen das Deutsche im Gebete ist kein Bedenken begründet. Wem das aber ungewohnt erscheinen mag, der bedenke noch, daß ein unverstandenes Gebet eines denkenden Menschen untvürdig ist, er denke endlich daran, daß das Hebräische zwar Gewohnheit ist, daß aber das Deutsche auch bald zur Gewohnheit werden würde. Noch ein drittes Mittel giebt es, um die Andacht zu fördern. Lassen wir auch in der Art des Vorlesens aus der Thora eine Aenderung eintreten. Wir alle wissen, daß während derselben recht wenig Aufmerksamkeit herrscht; die Anwesenden verstehen eben nichts von dem Hebräischen, langweilen sich und plaudern wohl gar. Es ist das ja begreiflich, denn was wir nicht verstehen, kann uns