Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Zeitgemäße Betrachtungen eines Laien. 1. Unser Gottesdienst. Der höchste Ausdruck unseres religiösen Empfindens ist das Gebet. Was er hofft und wünscht, was sein Herz niit Dank und Jubel erfüllt, was sein Gewissen beschwert und beängstigt — alles dieses trägt der Mensch als Gebet seineni Gotte vor; und je getreuer dasselbe seine Empfindungen wiedergiebt, je mehr Wahrheit also seinem Gebete innewohnt, desto freier wird sein Gemüt werden, desto mehr wird seine Angst schwinden, desto freudiger wird er die Erfüllung seiner Wünsche erhoffen, desto segensreicher wird sich an ihm die Macht des Gebetes erweisen. So betete Jakob, so betete Moses, so Hannah, so David, so Elias, Hiskia, Esra und andere, von denen uns die heilige Schrift erzählt. Sie alle fanden Ruhe, Trost — und Erhörnng. Nun beten wir freilich auch: Mi scheono .... hu jaanenu: „Er, der .... erhört hat, erhöre auch uns"; ja, aber beten wir denn auch so, wie diejenigen gebetet haben, auf die wir in dieser Weise hindeuten? Nein, wir beten nicht so; denn unseren Gebeten fehlt vielfach die Wahrheit; das Gebet, das wir sprechen, enthält oft Bestandteile, die gar nicht zu unseren Wünschen gehören. Auch haben die genannten Kriegs- und Glaubenshelden niemals so lange Gebete gesprochen, wie sie uns heute zugemutet werden. Kein Wunder, daß die Andacht geschwunden „ist. Und doch heißt es: .Tjjim tefillo! Sehen wir nun zu, wie diesen beiden Übelständen abzuhelfen sein niöchte. Das Gebet soll wahr sein. Aber wann ist es denn wahr? Wenn es Miseren Bedürfnissen und Empfindungen entspricht. Man wende mir nicht ein, daß sich daun wohl jeder Mensch seinen Verhältnissen entsprechend sein Gebet selbst zurechtlegen müßte. Freilich wäre das nichts Unerhörtes, denn in alter Zeit war es wirklich so; und wenn König Salomo bei der Einweihung des von ihni 'erbauten Tempels Gott bittet, den Israeliten >vie den Nicht-Israeliten, die an dieser Stätte beten wurden, gleichermaßen zu erhören, hat er gewiß ebenso wenig an feststehende Gebete gedacht, wie sein eigenes ein bereits vorher vorhandenes gewesen ist. Allein es ist wirklich nicht nötig, daß jeder mit eigenen Worten bete. Denn gleichwie der gottbegnadete Dichter das, was er gefühlt und empfunden, so zu gestalten weiß, daß wir mit Entzücken unser eigenes Empfinden darin wiedererkennen und immer wieder danach greifen, wenn wir in dieselbe Lage und Stimmung kommen: so kann auch manches fromme Gebet aus alter Zeit noch heute unsere Empfindung wiedergeben und damit unser Bedürfnis befriedigen. Und so verhält es sich auch in der That; aber recht vieles genügt doch unserem heutigen Fühlen und Denken, Wünschen und Hoffen nicht mehr, kann uns also auch nicht zur Andacht stimmen, sondern muß — um es kurz zu sagen — zur Lüge in unserem Munde werden. Mit solchen Lügen aber vor den Gott der Wahrheit zu treten — ist das nicht ein Frevel? Eines solchen Frevels hat sich, >vie schon gesagt, die alte Zeit nicht schuldig gemacht; sie betete, wie es das Bedürfnis erheischte; das schließt nicht aus, daß manche Gebete, wie z. B. die Psalmen, auch schon bei ihnen stehend wurden. Aber erst nach der gänzlichen Auflösung des jüdischen Staatswesens beginnen die Gebete an Zahl und an Länge zuzunehmen, um in den traurigen Zeiten des Mittelalters schier ins Unendliche zu wachsen; erst in den letzten Jahrhunderten ist ein wvhlthueuder Stillstand eingetreten. Können diese, im