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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 203

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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203 trug der Hohepriester den Schild des Rechtes, wenn er in das Heiligtum- Gottes eintrat und wenn der echte edle und unverfälschte Gottessinn uns innewohnt, dann werden wir nicht, wo es uns gutdünkt und passend scheint, weil wir selbst daran unser Wolgefallen finden, sondern immer und überall und in jeder Hinsicht Recht und Redlichkeit üben und zum Heile unserer Mitmenschen zu wirken suchen. Der wahre Rechtssinn gedeiht nur auf dem Boden der edelsten Menschenliebe und nur wenn er alle Menschentugend in sich faßt, den Adel der Gesinnung bethätigt, ist er rühmlich und segensvoll. Gerechtigkeit muß nicht notwendigerweise mit Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit verbunden sein, wie man das gemeiniglich so annehmen zu müssen glaubt, sondern im Gegenteile! erst dann gelangt sie zu ihrer Höhe, wenn Güte und Wohlwollen sie stützen und die zarteste Rücksichtnahme auf die Berdienste der Einzelnen in ihr zum Ausdruck gelangt. „Willst du den Gerechten mit dem Ungerechten leiden lassen"? soll die Strenge des Gesetzes, des Verhängnisses, das das sündenvolle Sodom treffen muß, auch die Gerechten heimsuchen, weil sie da nur in einer verschwindenden Minderheit vorhanden sind? spricht Abraham zu seinem Gotte. Ferne sei es von dem erhabenen Weltenrichter, solches zu thun, den Tugendhaften mit dem Frevler umkommen zu lassen und den Ungerechten mit dem Gerechten gleichzustellen. Ferne sei das von dir, betet Abraham vor Gott, sollte der, der Richter ist über die ganze Erde, nicht Recht walten lassen für jeden Einzelnen? Ja die Gleichmacherei, die den Würdigen von dem Unwürdigen nicht unterscheidet, das Recht, bei welchem das Schlagwort Gleichheit dazu mißbraucht wird, alles Höhere und Bessere zu unterdrücken, jede Anerkennung wahrer Verdienste bei Seite zu lassen, das war Sodoms Art. Das ist, wie unsere Weisen treffend bemerken, das Recht, das einer gierigen Wölfin gleicht, die mit anderen Thieren auch ihre eigenen Jungen verzehrt, das ist das Recht, das einer scharfen Sichel gleicht, welche mit den vielen Dornen auch die wenigen Rosen wegschneidet, die auf dein Felde blühen. Recht iiben heißt im Geiste unserer Lehre Segen stiften, Verdienste würdigen, Schäden beseitigen. Recht üben heißt das Unrecht aufsuchen, nicht schweigend darüber hinweggehen, wenn es uns vor Augen tritt, nicht sich zurückziehen und verborgen halten und der Unthätigkeit hingeben, wo es gilt, für die Beseitigung des Unrechts zu wirken. Recht üben heißt anderen aus freiem Antriebe zu ihrem Rechte verhelfen, nicht blos denjenigen, die lärmend mit ihren Ansprüchen sich herandrängen, sondern auch dem, der bescheidenen Sinnes ist und deshalb unbeachtet bleibt. Ja Rechtssinn ist keine so billige Waare, die für jedermann leicht zu haben ist, da gehört gar viel dazu, er ist, wenn er nicht zum Schein und Schatten der Gerechtigkeit herabsinken soll, der Inbegriff aller menschlichen Tugend. Wer ihn in Wahrheit besitzt, den darf das Unrecht, in welcher Gestalt es sich auch zeigen mag, nicht gleichgiltig lassen. Anderen Recht verschaffen, ihnen Helfer und Fürsprecher sein, das muß dem Herzen des Frommen Freude gewähren und ihm zu innerer Beglückung und Erhebung gereichen. Das ist die Gerechtigkeit, die Gott von uns verlangt, die die Religion uns einflößen will, die wir uns erwerben und aneignen müssen, wenn uns überhanpt die eigene sittliche Bildung und Würde nicht ein Nebensächliches und Gleichgültiges geworden ist. Recht ist das Zeugnis Gottes, ist der Adel des Menschen, wir müssen in seiner wahren Bedeutung es erkennen, in seinen» vollen Inbegriff es festhalten in unser»» ganzen Wollen und Wirken und geltend machen in allen Bestrebungen unseres Geistes, in allen Thaten itnseres Lebens._

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