Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 sprechen dürfe, wo es gilt, das Recht festzustellen und das Unrecht abzuwehren und da soll es ein Wort geben, in dem sie als eine in sich geschlossene Einheit zusammengefaßt sind? Die Frömmigkeit, durch die wir unser Herz vor Gott heiligen, soll von dem Rechtsgebiete, wo wir es nur mit den Menschen zu thun haben, völlig geschieden sein und doch soll in der alten Sprache Israels, die doch an Bezeichnungen für edle Eigenschaften reicher als alle anderen Sprachen ist, für sie beide nur die eine die ganzen Begriffe deckende Bezeichnung „Gerechtigkeit" vorhanden sein? Es scheint, wenn wir nach den uns geläufigen Vorstellungen urteilen sollten, da viel Unzusanimenhängendes durch einander gemischt zu sein und doch wird jede Unklarheit schwinden, wenn wir uns mit dem Wesen des Rechtes, wie es in unserer Lehre aufgefaßt ist, näher bekannt machen. Rechtssinn ist eigentlich jedem Menschen angeboren, Rechtsgesetze finden wir bei allen Völkern; , sehen wir aber in welcher Art da verfahren und wie das in Wirklichkeit angewendet wird, dann werden wir oft ein sittliches Mißbehagen darüber nicht zu unterdrücken vermögen. Es liegt gar viel Wahrheit in dem alten Spruche, daß da, wo das Recht auf die Spitze getrieben wird, daraus oft das höchste Unrecht hervorgeht. Man Pflegt oft von dem Rechte nur da Gebrauch zu machen, wo man unter seinem Schutze und mit seiner Hilfe Unrecht thun kann, wo es sich als die willkommene Handhabe zu Gewaltthätigkeiten darbietet, die man sonst doch nicht ungestraft begehen darf. Es giebt Menschen, die alles unter den Gesichtspunkt des Rechtes stellen, die immer das Wort „Recht" iin Munde führen und auch ihr Thun so einrichten, daß in demselben keine Rechts- Widrigkeit sich Nachweisen läßt; betrachtet man aber ihre Thaten genauer, faßt man die Folgen ihrer Handlungen näher ins Auge, so findet man, daß dabei immer eher eine böse als eine gute Absicht vorgewaltet hat, daß es bei Weitem nicht darum zu thun war, Recht zu üben und Segen zu stiften, sondern zu zeigen, wie es sich machen läßt, daß mail seinem Nebenmenschen Schaden zufügt, Kränkung bereitet und dabei als ein biederer gerechter Mann sich aufspielen kann. Für die ist das Recht nur da, wenn sie es zu ihren Zwecken brailchen, wenn sie damit ihrer Bosheit oder ihrer Eitelkeit Genüge thun, ihre unlauteren Gedanken und Bestrebungen damit ins Werk setzen können, sonst mag das größte Unrecht geschehen und ihnen klar und offen vor den Augen liegen, es wird ihnen gar nicht in den Sinn kommen, darauf aufmerksam zu machen und auf seine Beseitigung hinzuwirken, ja sie werden absichtlich davon schweigen und im Herzen ihre helle Freude daran haben, daß es niemand merkt und der Unschuldige Gewalt ertragen muß, weil niemand darauf achtet. Daß das Gerechtigkeit ist, wird wohl zugegeben werden müssen, denn es hat doch wahrlich niemand die Pflicht, alles Unrecht, das geschieht, ivahrzunehmen und wegzuschaffen. Wenn man nun darüber Schweigen bewahrt und auch andere, die es vielleicht gerne bessern tvürden, wenn sie nur etwas davon wüßten, in ihrer Unkenntnis und Täuschung beläßt, so macht man sich, da man doch dabei nicht beteiligt ist, noch keiner handgreiflichen Ungerechtigkeit schuldig. Unrecht nennt inan das allerdings nicht, aber tugendhaft ist es auch nicht und weil Gleichgiltigkeit gegen das Wohl unserer Mitmenschen oder gar Bosheit und Schadenfreude da ihre Befriedigung finden, sogar verächtlich und verwerflich. Die Gerechtigkeit, wie sie das Judentum von uns verlangt, muß rein, lauter und vollkommen, sie muß eine Tugend sein, sie muß in dem warmfühlenden Herzen, das von jeder Lieblosigkeit sich abgestoßen fühlt und nicht in dein kalt berechnenden Verstände, der bei dem Anblick der Leiden ungerührt bleibt, ihren Wohnsitz haben. Auf dem Herzen