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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 201

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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201 die erste in Betracht zu nehmen, die auf die innere Gesinnung verbessernd zu wirken bestimmt ist, wie sie zugleich auch tief in das Leben eingreift und unserer ganzen Thätigkeit eine heilsame Richtung vorzeichnen soll. Recht ist das Zeugnis Gottes in aller Ewigkeit, es erkennen und in ihm zu leben, des Menschen höchster Beruf auf Erden. Daß das Recht die Wurzel und die Grundlage aller Menschentugend und Menschenwürde ist, das ist für jeden Denkenden klar und einleuchtend. Ist der Sinn für Recht in uns erwacht und rege geworden, dann wird auch die Liebe zur Wahrheit in unserem Herzen Boden finden und ist von Wahrhaftigkeit unser Sinnen und Streben geleitet, dann können wir auch den Weg nicht verfehlen, der zum Frieden führt, zur Eintracht und Versöhnung. Wie tief diese Anschauung im Geiste des Judentums begründet, wie da die Gerechtigkeit als der Mittelpunkt und Ausgangspunkt alles guten, ehrbaren und segenvollen Wirkens angesehen wird, das gibt sich uns durch die Betrachtung des Wortes, das in der hebräischen Sprache zur Bezeichnung derselben gebraucht wird, auf das Klarste zu erkennen. Jede Sprache besitzt notwendiger Weise ein Wort, das einem umfassenden Begriff für alle guten menschlichen Eigenschaften entspricht. Man kann sagen, daß die Weltanschauung eines Volkes in dem Worte sich abspiegelt, durch welche es den allgemeinen Höhepunkt menschlicher Größe bezeichnet. So sehr nun alle diese Wörter dasselbe auszudrücken scheinen, so sind sie doch in ihrer Grundbedeutung, die ursprünglich überall eine engere war, von einander sehr verschieden. Tugend heißt bei uns das Wort, das für jeden sittlichen Vorzug, für jede gute Eigenschaft, die der Mensch besitzt, uns als die passende Bezeichnung erscheint. Tugend hatte aber ursprünglich nichts anderes als Tauglichkeit zu bedeuten, es soll also demnach die Fähigkeit und Geschicklichkeit zur Vollführung heilsamer Bestrebungen, dasjenige sein, darin die sittliche Vollendung des Menschen besteht. Den erobernngssüchtigen Römern, welche mit dem Schwerte die Welt bezwangen, galt die Kampfestüchtigkeit als der Gradmesser menschlicher Größe und Tugend ist hier daher gleichbedeutend mit Männlichkeit, Tapferkeit. Es galten den kunstliebenden Hellenen Schönheit und Ebenmaß der äußeren Form als der Ausdruck der Vollkommenheit und die Tugend wird in den Schriften ihrer Weisen als eine Kunst dargestellt, als die Kunst, alles Herrliche, das in dein Menschen liegt, so hervorzubilden, daß sein ganzes Wesen in einem gewissen Einklänge erscheine und das Wort, durch das sie die Tugend bezeichnen, heißt soviel als Wohlgefügtheit, Wohlgefälligkeit. So können wir den Geist eines jeden Volkes aus seinem Tugendbegriffe erkennen. Fragen wir nun, welches Wort in dem alten Schrifttume Israels hiefür gebraucht, wird und siehe! es ist nichts anders als „Zedek“, Zedakah“, Recht, Gerechtigkeit. „Zedek“ bezeichnet da zunächst das Recht an sich, das Abwägen der verschiedenen Gründe, welche uns eine That verdienstlich oder verwerflich erscheinen lassen, es dient aber dann »veiter zur Bezeichnung der Tugend im Allgemeinen, ja allmählig wurde es der volkstümliche Name für Freigebigkeit, Wohlthätigkeit und seit den ältesten Zeiten hieß der Fromme in Israel „Zaddik“, ein Gerechter. Glaubenstreue, Herzeusgüte, Gottesfurcht und Menschentugend, alle durch das eine Wort „Zetkka,“ Gerechtigkeit bezeichnet, zeigt dies nicht, daß dieser im Judentume der höchste Rang unter allen menschlichen Eigenschaften zuerkannt wird und daß sie nach unserer Lehre und im Geiste der sittlichen Anschauung unserer Vorfahren als die Wurzel alles Edlen und als die Grundlage aller Vollendung anzusehen ist? Erbarmen und Gerechtigkeit, das schienen doch sonst Gegensätze zu sein, die einander ausschließen, wie ja die Alten schon sagen, daß das Herz nicht mit-

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