Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 tollen Hunden, gegen Ohrensausen, zur Vertreibung von Ungeziefer, zur Bereitung von Kartoffelbrod u. s. w. u. s. w. Die religiösen Schriften spielen in der jüdisch-deutschen Volkslitteratur die größte Rolle. Sie sind für die gesamten Verhältnisse der polnischen Juden äußerst bezeichnend. Man denke sich unter den religiösen Schriften nicht etwa nur Erbauungsbücher; deren giebt es nur verhältnismäßig wenige, wie die „Techinoß" (d. h. Gebete für Frauen), die „Zenna Urenna" (Bibel mit Kommentar für Frauen). Den größten Raum unter den religiösen Schriften nehmen die Geschichten der Wunderrabbis ein. Sie alle haben den bestimmten und leicht erkennbaren Zweck, alle diejenigen, welche etwa Zweifel hegen, zur Sekte der „Chaffidim", als der wahren Gläubigen, zu bekehren und die Mitglieder dieser Sekte selbst in ihrem Glauben zu bestärken. Es werden uns daher sehr oft solche gelungene Bekehrungen geschildert, und es wird am Ende die Mahnung daran geknüpft, ja nicht zu sündigen und an die Kraft der Rabbis zu glauben. Leicht ersichtlich ist es, daß die Art und Weise, wie diese jüdischen Jesuiten, wenn man so sagen darf, verfahren, äußerst geschickt und wohl geeignet ist, die ganze ungebildete Masse auf ihre Seite zu bringen. Ein geschickter Griff ist es, daß nur an die Phantasie, an das Gefühl appelliert, daß jede kritische Auseinandersetzung sorgfältig vermieden wird. Besonders gefeiert ist der sogenannte Baal Schem Tob (d. h. der Mann von gutem Rufe), auf welchen die Gründung der Chassidimsekte zurückgesiihrt wird. Die Wunderrabbis sind im Laufe der Zeit zu einer großen Zahl angewachsen, und von allen kursieren im Volke die verschiedensten Gerüchte über Wunder, die sie vollbracht haben sollen. Die erste Stelle unter den Wundern nimmt natürlich die Heilung von Kranken ein. Mit Hülfe der Kabbala und einer Summe Geldes löst ein solcher Wunderrabbi alles. Sein Machtwort befreit den Gefangenen aus den Händen der Feinde; ein Blick von ihm genügt, um einen den Juden ungünstig gesinnten Machthaber weich zu stimmen und ein einziges seiner Gebete verschafft einem armen Manne das große Loos. Derartige Dinge erzählen diese Schriften mit einer großen Umständlichkeit in den verschiedensten Variationen. Freilich trafen die fanatischen Chassidim auch auf Widerstand. Es fanden sich immer eine Anzahl Leute, welche intelligent genug waren, an den Unsinn nicht zu glauben, und die in Wort und Schrift gegen diesen Aberglauben eiferten. Leider aber stellten sie ihre Versuche, das Volk von dem Aberglauben abzuwenden, sehr ungeschickt an. Für die in den chassidischen volkstümlichen Schriften gebotene Anregung der Phantasie und des Gemütes hätte in den gegnerischen Erzeugnissen ein anderer das Volk anregender Faktor gegeben werden müssen; der Versuch, durch verständige Auseinandersetzung, durch Berufung auf Bibel und Talmud einzuwirken, konnte zu feinem günstigen Ergebnisse führen. In neuester Zeit scheint man auch wirklich zu der Ueberzeugung gekommen zu sein. Wenigstens wird in einem Buche aus dem Jahre 1881 der Angriff äußerst geschickt geführt, und zwar, indem das Wunderrabbitum lächerlich gemacht und in seiner ganzen Verächtlichkeit dargestellt wird. Der Inhalt sowie die Darstellung ist derbkomisch, wodurch die Wirkung auf den ungebildeten Leser noch erhöht wird. Der Verfasser, ein Lehrer Morgenstern aus Lodz, erzählt uns nämlich, wie ein Wasserträger ein Wunderrabbi wird, wie derselbe bei aller Dummheit und Gefräßigkeit sich seinen Ruf bis zum Tode erhält und dabei unermeßliche Reichtümer saminelt. Ergötzlich wird uns geschildert, wie der neue Rabbi seine Un-