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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1888-09-01 · Heft 9 (1.9.1888) · p. Seite 198

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 9 (1.9.1888)
Date
1888-09-01
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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198 (Es ist dies ein alter, auch bei den orthodoxen Juden in Deutschland vorkommender Brauch.) Seine Frau und sein krankes Kind hungern. Da kommt ein Rettungsstrahl. Einer der reicheren Bürger beauftragt ihn zu einer „Jahrzeit", (d. h. Sterbetag eines Angehörigen, gewöhnlich von Vater und Mutter) das übliche Kapitel aus der Mischna zu lernen. Er erhält dafür 25 Kreuzer. Bei seinem Eintritt in die Stube geht ihm die Frau erwartungsvoll entgegen und verlangt von ihm das Geld, um Brod zu holen. Der Mann aber erwiedert ihr: „Ich habe die vorige Nacht geträumt, daß eine Mesuse an unserer Thür nicht mehr koscher ist (d. h. daß das an einem der Thürpfosten jüdischer Wohnungen gewöhnlich angebrachte Stück Pergament, welches mit gewissen Bibelstellen beschrieben ist, den rituellen Vorschriften nicht mehr entspricht). Ich habe deswegen für die 25 Kreuzer zwei Mesuses gekauft, die eine für jetzt und die andere für diejenige Zeit, da wir wieder eine brauchen werden. Denn wer weiß, ob wir dann das Geld dazu haben?" Derselbe Mann hat in die Lotterie gesetzt und 400 Gulden gewonnen. Anstatt nun zuerst fiir die materiellen Bedürfnisse zu sorgen, begiebt er sich schnurstracks zum Vorstande der jüdischen Gemeinde, händigt ihm die 400 fl. ein, wogegen ihm dieser versprechen muß, daß ihm und seinem Weibe nach ihrem Tode ein schöner Grabstein gesetzt und alle Jahre an ihrem Sterbetage ein Licht angezündet werden solle. Die Frau ist natürlich mit dieser Verwendung des Geldes nicht zufrieden und hat einen anderen Vorschlag. „Hole das Geld", sagt sie, „der Vorstand muß es herausgeben. Wir gehen lieber nach Palästina, denn es ist eine Mizwah lein Verdienst) dort zu leben." Diese beiden Scenen zeigen, daß der Verfasser seine Aufgabe, die unwissende, verbohrte Frömmigkeit bloßzustellen, mit vielem Geschick in echt volkstümlicher Weise gelöst hat. Die belehrenden Schriften machen den geringsten Teil der jüdisch-deutschen Volkslitteratur aus. Eine große Anzahl derselben enthält Schilderungen beriihmter Oertlichkeiten und fremder Länder. So las ich auch unter anderem eine Schilderung des Bergwerks Wielicka, in welcher nicht bloß die einzelnen Abtheilungen des Bergwerks — freilich sehr konfus und nicht mit der Präzision eines Bädecker — beschrieben werden, sondern auch die sagenhafte Entstehungsgeschichte jener berühmten Saline erzählt wird. Daß die „geographischen Werke" durchaus nicht auf dem Standpunkt der geographischen Forschung selbst ihrer Entstehungszeit sich befinden, ist bei dem Bildungsgrade der Verfasser selbstverständlich. Es macht sogar oft den E indruck, als ob der Verfasser nicht Selbstgesehenes und Selbsterlebtes, sondern ihm nur oberflächlich von Hörensagen Bekanntes erzählt. Mit großem Behagen werden diese Schilderungen gelesen; denn sie bieten der Phantasie eine mächtige Anregung. Die Großartigkeit der Naturerscheinungen in ihrer greifbaren Wirklichkeit hat fiir die Juden jener Länder sehr wenig Reiz. So gibt es unter hundert Juden, welche in Krakau oder in dessen Umgebung leben, kaum Einen, der das Bedürfnis gefühlt hätte, das Bergwerk Wielicka, von dem alle Welt so begeistert spricht, einmal zu besuchen, obwohl der Weg gar nicht weit ist, und die Gelegenheit dazu sich sehr oft bietet. Auch die Heilkunde stellt ihr Kontingent zu der belehrenden Litteratur. So erscheint mir ein dahin gehöriges Buch sehr bemerkenswert, dessen Titel schon vielversprechend ist. Derselbe lautet: „Künzen-Büchel ld. h. Buch der Kunstfertigkeiten), zusammengestellt vön a greußen englische» Dotier. Wir hobeil es verteitscht, daß wir Jüden sollen auch Chochmes (Künste) lernen." Das Büchlein enthält die verschiedensten Hausmittel gegen Hühneraugen, gegen Bisse von

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