Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969764--2354-2972534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
197 jüdischen Bewohnern der ehemals polnischen Landesteile. Die hierher gehörigen Schriften sind selbstverständlich in der Umgangssprache, in jüdisch-deutschem Jargon, abgefaßt. Sowohl in ihrer äußeren Gestalt wie ihrem Inhalte nach bieten sie ungemein viele Vergleichspunkte mit den Erzeugnissen der deutschen Volkslitteratur. Das Papier, der Druck, die ganze äußere Ausstattung ist in jenen beinahe dieselbe, wie in den letzteren, und hätte man nicht hebräische Lettern vor sich, so wäre man oft versucht zu glauben, daß man ein deutsches Volksbuch aus dem 16. oder 17. Jahrhundert in Händen habe. Der Sprachgebrauch hat diese Büchlein „Maaße-Büchel", d. h. Geschichtenbücher, genannt. Sie werden in ungeheurer Anzahl verbreitet und verschwindeil eben so rasch von der Oberfläche, wie sie auf derselben erschienen sind. Die Verfasser sind nur selten zu ermitteln, da ihr Name nur in wenigen Füllen auf dem Titelblatt angegeben ist. Man kann diese Schriften in drei Kategorien teilen, in speziell unterhaltende, belehrende und religiöse. Die unterhaltenden Schriften zerfallen wieder in zwei Arten: in Übertragungen literarischer Erzeugnisse der umliegenden Nationen, hauptsächlich der Deutschen und in Produkte eigener Erfindung. Man findet bunt durcheinander Märchen und Sagen, Romane und Novellen, oder, und dieses sind die Originalwerke, lustige und traurige Schilderungen aus deni jüdischen Volksleben, Satiren auf Uebelstände im Privat- und Gemeiudeleben. Eine besondere Anziehungskraft scheint die Märchensammlung „Tausend und eine Nacht" gehabt zu haben, von der eine große Menge Bearbeitungen vorhanden sind. Die Beliebtheit gerade dieser Märchensammlung mag wohl zum teil in ihrem orientalischen Charakter ihren Grund haben, sicher aber kann die große Verbreitung der Märchensammlung auf deutschen Einfluß zurückgeführt werden. Wir finden überhaupt in jenen Volksbüchern, daß die größte Anzahl der Anregungen aus Deutschland herrühren. Deutsche Märchen begegnen uns in großer Menge,- so die Märchen von Rübezahl, Schneewittchen, Dornröschen u. s. w. Ja, sogar altdeutsche Heldensagen sind für das jüdisch-polnische Publikum bearbeitet worden. Die Sagen von Karl dem Großen, von seinem Helden Roland, von dem tapferen Walthari, sie alle sind auch einer großen Anzahl von Juden in Polen und Galizien bekannt. Selbstverständlich ist die Darstellungsweise eine ganz unsystematische und genau der Denk- und Redeweise des Publikums, für welches die Schriften bestinimt sind, angepaßt. Der Verfasser vermag sich nicht in die Zeit zurückzuversetzen, in welcher die betreffenden Sagen spielen, er überträgt alle Zustände und Vorgänge auf die Verhältnisse seiner Zeit. Das kann uns aber nicht befremden: hat doch Heinrich von Veldecken in seiner „Aeneide" und Konrad von Würzburg in seinem „Trojanischen Krieg" dasselbe gethan! Die Unterhaltungsschriften, welche Ergebnisse eignen Erfindungstalentes sind, verraten oft bedeutende, scharfe Beobachtungsgabe und treffenden Witz. Die Vorführung einiger Scenen aus einem derartigen Schriftchen wird genügen, um diese Eigenschaften erkennen zu lassen. In einer der schmutzigsten Straßen einer kleinen Stadt Galiziens, bewohnen in einem elenden Hause vier Familien ein einziges Zimmer. Das Oberhaupt der einen Familie ist ein „Batlon", d. h. ein Manu, welcher sich damit ernährt, daß er im Aufträge verschiedener Leute der Stadt an dem Sterbetage eines ihrer Angehörigen ein Kapitel aus der Mischna „lernt", d. h. durchstudirt.