Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969754-2969764--2353-2972533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
196 Nach beiden Gesichtspunkten, nach beiden Richtungen hin sehen wir die jüdische Geschichtschreibung in Bewegung. In den verschiedenen Ländern Europas untersuchen Männer kundigen Blickes, vom Drange der Seele angeregt oder von dein Verein edler Genossen geweckt, nicht nur die alten historischen Urkunden der Gemeinden und die gelehrten Ausführungen der Meister; ihre Aufmerksamkeit umfaßt auch die Bauten und die alten Neste der Gassen und Gotteshäuser, die ruhmvollen Gefäße des Gottesdienstes und die halbverwitterten Steine der Begräbnisstätten. Sahen tvir doch vor Kurzem in der Hauptstadt eines niächtigen Reiches, in welchem die Söhne unseres Stammes erst vor ztvei Jahrhunderten ihren neuerlichen Wohnsitz nahmen, Altertümer und Geräte aneinandergereiht, welche den Nachgeborenen das Leben der Väter vor die Seele führen sollten. (Fortsetzung folgt.) Die Wolksl'ilteralur der polnischen Inden. Von I. Silbermann. In seinen der gebildeten Welt genügend bekannten Schriften hat uns Karl Emil Franzos ebenso lebenswahre wie anziehende Schilderungen aus „Halbasien" gegeben. Durch diese Erzählungen sind die äußeren Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Galiziens — und damit auch der Juden in allen ehemals polnischen Landesteilen — sowie ihr Denken und Fühlen allgemein bekannt. Es dürfte aber wohl auch von Interesse sein, die geistige Nahrung dieser Menschenklasse kennen zu lernen, eine Nahrung, die, wie bei jeder größeren Gemeinschaft von untergeordneten Bildung in den sogenannten „Volksbüchern" besteht. Es ist freilich tvahr, daß der jüdisch-polnische Geistesboden zur Hervorbringnng von Erzeugnissen einer Volkslitteratur bei oberflächlicher Betrachtung nicht recht geeignet erscheint. Denn die Beschäftigung mit der heiligen Schrift und hauptsächlich mit dein Talmud bildet fast die einzige geistige Arbeit der männlichen jüdischen Bevölkerung. Da aber das Studium dieser Schriften, welches int frühesten Kindesalter beginnt, nicht zur Schärfung des Geistes oder zur Veredelung des Herzens, also zur Erlangung von Bildung, sondern beinahe ausschließlich als die Erfüllung eines göttlichen Gebots betrieben wird, so ist der Schluß selbstverständlich, daß die Beschäftigung mit Bibel und Talmud ein Studium im wahren Sinne des Wortes für beit größten Teil des Lernenden nicht ist, sondern eine zuletzt mechanisch gewordene Thätigkeit. Der zwanzigjährige Jüngling ist bereits gezwungen, sich selbst seinen Lebensunterhalt zu schaffen, zumal, wenn er schon geheiratet hat, und in dein schweren Ringen um das tägliche Brod verwischen sich die geistigen Eindrücke, welche er in seiner frühesten Jugend empfangen hat, sehr leicht. An dem einzigen Tage, den er sich zur Erholung gönnen kann, am Sabbat, ist er froh, von der Arbeit der Woche ausruhen zu können, und durchaus nicht geneigt, sich in die Tiefen rabbinischer Spitzfindigkeiten zu versenken. Dennoch ist der geistige Impuls ans seiner Jugend her noch ein so starker, daß das Bedürfnis nach einer besseren, leichten Unterhaltung sich in ihm fühlbar macht, und diesem Unterhaltungsbedürfnis verdanken wir die Entstehung einer Volkslitteratur unter den