Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 ausgeführten Chronikbüchern, bald in kurzen Gedenkblättern und in Vorreden aufbewahrten, welche sie vor die Werke setzten, in denen sie das Bibelwort oder das Gesetz erläuterten, die Discussionen weiterführten und die Kanzelrede behandelten. Noch harren viele dieser Einleitungen, wie die volksthümlichen Berichte des Talmud, der streng sichtenden Hand, des scharf prüfenden Auges, um den historischen Wert und die Bedeutung der Erzählungen festzustellen und zweifellose Folgerungen anzuschließen. Des althistorischen Geistes unseres Stammes würdig, erwies sich unser Jahrhundert. Rasch und kräftig nahm es die Geschichtschreibung wieder auf, die seit zwei Jahrhunderten weniger hervorgetreten war und sich auf die kurze Lebensbeschreibung der Rabbinen früherer Zeiten oder auf die genaue Zusammenstellung der talmudischen Lehrer und ihrer Aussprüche beschränkt hatte. Unsere Tage sahen seit mehr als einem halben Jahrhunderte die besten Männer Israels mit allem Ernste, mit allem Aufwande der Kraft und des Geistes sich der Geschichtschreibung zuwendeu. Da beschrieb man in glänzender Sprache die letzten Kämpfe der Juden auf Palästinas altem Boden. Dort wurden mit tiefem Fleiße die Ordnungen und die Thaten der großen Versammlung geprüft, welche das religiöse Leben im Zeitalter des zweiten Tempels zur Blüte brachten. Hier beleuchteten große Meister das Leben und das Wirken einzelner hervorragender Lehrer, und dort war man geschäftig, die Erzeugnisse der jüdischen Litteratur, welche alt und frisch sind, wie der Libanon, in geschichtlicher Folge und in geordneter Reihe zu verzeichnen. Auch dem Ringen und Streben unseres Zeitalters wurden ehrende Denksteine gesetzt. Und wir sahen große und weite Hallen sich wölben, die kunstreiche Hände vollendeten. Sie umfaßten das ganze wechselvolle Geschick dieses wunderbaren Stammes während der Jahrhunderte. Entspricht aber die jüdische Geschichtschreibung der Neuzeit auch allen Anforderungen, welche die historische Forschung unserer Tage stellt? Diese Regsamkeit so vieler Geister, die Vorzeit zu erhellen, die Gestalten großer Vorfahren zu zeichnen, dieses eifrige Streben, das Erbe der früheren Geschlechter, die gewichtigen Geistesschöpfungen der Nachwelt zu erhalten und zu sichern, welches in verschiedenen Schriften, in größeren Versuchen und in der Zeitlitteratur so nachhaltigen Ausdruck findet, hält es gleichen Schritt mit der Schärfe des geschichtlichen Untersuchens, welches die historische Wissenschaft unserer Epoche betont und beansprucht? Nach zwei Richtungen hin hat sich die Wissenschaft der Geschichtschreibung in den letzten Jahrzehnten ausgebildet, vertieft und erweitert. Sie sucht die ersten Quellen auf. Die Denkmäler früherer Tage nimmt sie mit verschärfter Prüfung in Augenschein. Sie verfolgt Zeichen und Spuren der alten Welt. Vereinzelten Resten der Vorzeit, dunkelsinnigen Buchstaben auf vergilbten Blättern entlockt der Lichtglanz des Scharfsinnes erklärenden Aufschluß. Dann will die Geschichtschreibung wieder den Geist und den inneren Gedanken der Zeiten verstehen. Sie möchte die bewegenden Kräfte in dem Spiele des Gemüts- und Gesellschaftslebens der Völker voriger Jahrhunderte erspähen. Nicht nur die Ruhmeswerke und die kühnen Thaten der Helden der Vorzeit, die Wandlung in der Führung der Völker durch Häupter und Könige will unser Geschlecht kennnen, auch in das Leben der Gemeinde, des Hauses, in den Schwung des Verkehres, in die Form der geselligen Berührung, in die Tiefe des treibenden Willens, in das Geheimnis des bewegenden Gedankens möchten die Enkel der kräftigen Ahnen blicken. 17*