Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1888)
- Date
- 1888-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 historischen Darstellung sich mit Vorliebe zuneigt? — Könnte es in Frage kommen, ob der Geist des Judentumes die Geschichte als die edelste Anregung, als einen Vermittler des göttlichen Willens, als den Hüter und Wächter des Volkstumes auffaßt, wenn selbst die gesetzlichen Ausführungen, indem sie einzelne Lehren der Moral, die festliche Hebung und den weihevollen Brauch begründen, gerade die historische Erinnerung als den bedeutnngsreichen Zielpunkt hinsetzen; wenn das jüdische Gebet, schon in den ältesten Zeiten und in seiner biblischen Form, auf das Leben der Vorfahren hinweist?*) Die Schriften, welche uns aus jenen Tagen bewahrt blieben, in welchen die Inden in Beziehungen zu den großen Kulturvölkern traten, bestätigen es, daß die Söhne Israels, welche das Leben und das Streben, die Kämpfe und die Thaten ihrer Stammesgenossen aufzeichneten, sich kühn an die Seite der Historiker der alten Welt zu stellen vermögen. Ein großer Teil der apokryphischen Bücher, die kunstvoll ausgeführten Geschichten des Josephus, endlich das Schrifttum jener Männer, welche, in dem Boden des Judenthums wurzelnd, den Unterbau für deren weltbeherrschende Tochterreligion festigten, sind hierfür ein ewiges, unvertilgbares Zeugnis. Selbst aus der düstern Epoche, welche sich dem Zusammenbruche des jüdischen Staatswesens anschließt, leuchtet oft und klar das Licht der geschichtlichen Darstellung hervor und erhellet das Dunkel der Zeiten. Nicht nur wird in verschiedenen Aufzeichnungen die Zeitenfolge der Vergangenheit bald nach Geschlechtern und führenden Männern, bald nach den Gedenktagen des Volkes geordnet, sondern und noch um vieles mächtiger durchklingt die Erzählung aus dem Leben der Lehrer, der Bericht über ihr Walten und Wallen, über ihre Wanderungen und Lehrhäuser die Gesetzesbestimmungen des Talmud, znni Teile auch der ältern Mischna. Wenn sich in den Sagen, die sich um die ehrwürdigen Gestalten des Altertums bildeten, und welche ebenfalls eine Zier dieses weitläufigen Schrifttums ausmachen, die Hoffnung des Volkes und seine Sehnsucht, sein Vertrauen und sein Glauben ausprägten, so scheint in jenen Nachrichten von den Begebnissen der Meister, von der Lebensweise des Volkes, von den Sitten der Bewohner der östlichen Länder der geschichtliche Geist des Stammes hervorzutreten und die hochgehenden Wogen der Schuldisputation zu durchbrechen. Das große geordnete, römische Staatswesen fand damals seine Juristen, welche gesetzliche Fragen lösten und seine Geschichtschreiber, welche Vergangenheit und Gegenwart darstellten. Die Juden hatten nur ihre Collegienverhandlungen. Das geschichtliche Erkunden, das Streben, Bilder der Zeiten zu entwerfen, mußte in das große Bett münden, welches damals alle jüdische Geistesthätigkeit aufnahm und bewahrte, in die gelehrten Gespräche, die in der Schulhalle ertönten. Seitdem wendete sich die jüdische Geschichtschreibung teils der Feststellung der Aufeinanderfolge rabbinischer Schulhäupter zu, aus deren Leben sie manchen Zug anmerkt, teils spricht sie von den Leiden und Bedrängnissen, welche die Juden in den Jahrhunderten des Mittelalters trafen. Selten hat sie sonnige Tage und freundlichen Himmel zu beschreiben. Das Unglück der Juden aber während jener großen Völkerzüge nach dem Oriente, die Leiden und die Geisteskümpfe auf der spanischen Halbinsel, die Verdrängung aus dem zur Heimat gewordenen Lande endlich fanden ihre Geschichtschreiber, welche das, was sie selbst erfahren, und was ihnen die Väter überliefert hatten, bald in weiter *) S. Neubauer, Mediaeval Jewish Chronicles. Oxford 1887. Preface.